4.1 Siri wünscht sich keiner

Ich bin auf dem Weg zur Theke. Die Kneipe ist proppenvoll. Drei leere Gläser halte ich eingeklemmt zwischen meinen Handflächen. Mit den Ellebogen dränge ich Menschen zur Seite. Ich suche mir meinen Weg.

An der Theke angekommen balanciere das Leergut hinauf. Zwei leere Gläser schiebe ich zur Seite. Jetzt muss ich warten bis die Bedienung mich sieht.

Buhh, ist das voll. Wieso? Ich verstehe das nicht. Man kommt kaum durch, es ist wie an Karneval. Ist ein besonderer Tag? Was wollen die alle hier?

Die Bedienung sieht mich. Ich deute auf meine Gläser und spreize drei Finger. Sie nickt und wedelt mit der Hand. Es dauert wohl einen Moment. Kein Problem, ich kann warten.

„Hi wie geht`s?“

„Wer bist du denn?“

„Ich bin Siri.“

„Siri?“

„Ja genau. Ich bin dein schlimmster Albtraum!“

„Oh!“

„Hast du Spaß hier?“

„Ja, alles ist gut.“

„Lüg mich nicht an!“

„Nein, wirklich, alles perfekt.“

„Du kannst mich nicht anlügen.“

„Nein?“

„Nein, es funktioniert nicht.“

„Oh!“

„Also: Hast du Spaß hier?“

„Ja… das heißt nein. Eigentlich nicht.“

„Was machst du denn dann hier?“

„Mein Kumpel! Mein Kumpel der ist zu Besuch und wollte hier hin. Ich wollte gar nicht. Zu viele Leute sind mir das, aber naja, dann bin ich halt…

„Und jetzt bist du hier und es kotzt dich an?“

„Es ist mir zu voll.“

„Lüg mich nicht an! Ich habe dir gesagt, es funktioniert nicht.“

„Nun, ich … ich gehöre nicht dazu.“

„Du gehörst nicht dazu! Soso!“

„Ja, die anderen machen das irgendwie anders als ich. Die haben Spaß, ich nicht.“

„Was fehlt denn bei dir? Was fehlt dir denn an so einem Abend?“

„Du bist gemein.“

„Was fehlt?“

„Ach lass mich.“

„Was fehlt?“

„Es hängt mit den Frauen zusammen. Ich kann mit den Frauen nichts anfangen. Sie entziehen sich mir. Sie wollen mich nicht. Das macht mich fertig. Das verdirbt mir alles. Deswegen gehe ich nicht unter Leute.“

„Du wünschst dir etwas, bekommst es nicht und deswegen verweigerst du dich allem?“

„Ja so ungefähr.“

„Was tust du denn dafür?“

„Hör bitte auf, bitte!“

„Was tust du dafür?“

„Es liegt nicht an mir.“

„Lüg mich nicht an.“

„Lass mich in Frieden!“

Siri nervt mich. Ich schaue nach der Bedienung. Zapft sie schon mein Bier? Nein, sie macht etwas anderes. Ich atme ein, ich atme aus.

„Was war das eben an der Theke?“

„An der Theke?“

„Das mit der kleinen Blonden mit dem Kurzhaarschnitt.“

„Ach so, ja, ach das. Ich habe sie gesehen. Sie stand da hinten. Und ich dachte es wäre Alexandra. Also die von früher. Die habe ich seit zehn Jahren nicht gesehen. Sie sah so aus wie sie. Genau so. Aber sie war es nicht. Es war eine Verwechslung von mir. Nur eine Verwechslung.“

„Aber du hast sie angeschaut eine ganze Zeit. Sogar in die Augen hast du ihr geschaut, nicht wahr?“

„Ja tut mir leid, es war eine Verwechslung.“

„Das braucht dir nicht leid tun. Man darf Menschen anschauen. Sogar in ihre Augen darf man schauen. Weißt du das?“

„Ja natürlich.“

„Lüg mich nicht an!“

„Gut, du hast recht: Ich weiß es nicht.“

„Und was ist dann passiert?“

„Sie… Sie hat sich wohl angesprochen gefühlt. Es war nur eine Verwechslung. Ich habe sie verwechselt, ok? Ich habe es dann ja bemerkt.“

„Und dann? Was hat die Blonde dann gemacht?“

„Grumpf…“

„Was hat sie gemacht?“

„Mmm. Etwas später stand ich draußen um zu Rauchen. Ich habe mir eine gedreht.“

„Und dann? Komm schon, ich lasse eh nicht locker!“

„Die Blonde ist zu mir gekommen und hat mich gefragt, ob sie sich eine drehen könnte.“

„Ganz schön mutig von ihr.“

„Mutig? Sie wollte Tabak.“

„Lüg mich nicht an!“

„Sie wollte Tabak.“

„Sie wollte, dass du ein Gespräch mit ihr anfängst.“

„Ja, stimmt wohl.“

„Und hast du?“

„Nein.“

„Du hast orginal vier Minuten schweigend neben ihr gestanden! Das ist eine richtige Leistung wo sich alle anderen um euch herum munter unterhielten. Das muss man erst einmal bringen!“

„Ich wollte nicht!“

„Gefiel sie dir nicht? Fandst du sie unsympathisch?“

„Nein, sie war perfekt!“

„Du fandest sie super nicht wahr?“

„Ja.“

„Du fandest sie super und hast nicht mit ihr gesprochen, obwohl sie dir eine Steilvorlage geliefert hat? Sie hat etwas von dir erwartet. Sie hat sich etwas von dir versprochen. Ist dir das klar?“

„Ja.“

„Was hat sie dann gemacht?“

„Sie ist gegangen.“

„Ja genau! Sie ist gegangen. Nach vier Minuten! Die Superfrau ist gegangen! Hast du gesehen wie sie die Kippe weggeworfen hat?“

„Ja, das habe ich.“

„Und? Was hast du gedacht?“

„Das sie wütend ist.“

„Genau! Sie war stocksauer. Weißt du auch warum?“

„Nein.“

„Das glaube ich dir sogar. Ich werde es dir sagen warum: Sie hat sich etwas versprochen. Sie hatte Erwartungen, sie wollte wissen wer du bist, was du machst. Sie war interessiert. Mit dem Blickkontakt an der Bar hast du ihr aus versehen einen Haken zugeworfen. Das passiert dir sonst nie nicht wahr?“

„Nein.“

„Es war eine Verwechslung und deshalb, nur deshalb hast du ihr überhaupt in die Augen geschaut.“

„Ja das stimmt. Es tut mir leid.“

„Und sie kam raus zu dir, hat ihren Mut zusammengenommen und dich nach Tabak gefragt. Sie hat sich etwas von dir erhofft, ein angenehmes Gespräch, etwas Aufmerksamkeit! Mindestens das hat sie sich versprochen. Und dann mal schauen hat sie gedacht, vielleicht würde es ja nett mit dir und ihr. Das hat sie gedacht!“

„Das glaube ich nicht.“

„Das glaubst du nicht?“

„Nein, sie wollte Tabak.“

„Lüg mich nicht an! Du weißt es genau! Du hast es gespürt also rede nicht so einen Mist!“

„Mmmh.“

„Glaubst du das wäre alles so einfach für Frauen? Glaubst du nette Männer wachsen auf Bäumen? Ich weiß, du denkst du belästigst sie. Aber die Frauen warten mein Lieber! Sie warten! Sie suchen nach angenehmen Gelegenheiten und du bist so eine. Aber du entziehst dich. Du machst nichts! Du machst gar nichts! Du hast sie beleidigt mit deinem Nichtstun. Du hast sie frustriert!“

„Es tut mir leid.“

„Du hast sie um einen schönen Abend gebracht!“

„Ich? … Ich habe sie um einen schönen Abend gebracht? Ich?“

„Ja du! Es ist auch für die Frau ein schöner Abend wenn es sich angenehm mit einem Mann ergibt.“

„Daran… daran habe ich noch nie gedacht.“

„Ich weiß.“

„Wirklich noch nicht.“

Ich trete von einem Bein auf das andere. Jetzt nimmt die Bedienung drei Gläser. Mit etwas Glück sind es meine. Ich sehe wie golden Bier in das erste Glas läuft.

„Machst du das immer so.“

„Ja.“

„Genau mein Lieber. Du machst es immer so. Seit über zwanzig Jahren schaue ich mir das schon an. Seit über zwanzig Jahren bringst du Frauen um angenehme Stunden und dich auch! Findest du das gut?“

„Nein.“

„Na immerhin.“

Ich spiele mit einem Bierdeckel. Ich bin verlegen und drehe den Bierdeckel im Kreis.

„Ich kann das nicht.“

„Was kannst du nicht?“

„Das mit den Frauen.“

„Du kannst das nicht? Du kannst dich nicht einmal anders verhalten? Dich einmal unterhalten mit einer Frau obwohl sie etwas von dir will? Du kannst das wie ein König mein Lieber! Ich kenne niemanden, wirklich niemanden der das so gut kann wie du. Die Frauen schmelzen dahin. Du bist witzig, charmant und kannst zuhören.“

„Danke!“

„Nix danke! Du bist ein Vollidiot! Wäre es mit Absicht wärest du ein Arschloch. Du fixt sie an und dann lässt du sie hängen.“

„Ich fixe sie nicht an. Ich schaue sie ja nicht einmal an.“

„Ja das stimmt! Was für eine Großtat! Seit über zwanzig Jahren kneifst du in dem Moment, wenn die Frau etwas von dir will. Sogar schon im Voraus.“

„Ja das stimmt.“

„Du lenkst jedes Gespräch, jeden Blick, jede Geste so, das nicht mal im Entferntesten etwas passiert. Du kannst das nämlich sehr gut mit dem Lenken in dem Gespräch. Du führst die Frauen perfekt! Perfekt von dir weg!“

„Hm.“

„Glaubst du eigentlich, dass irgendetwas anders werden wird, wenn du dich immer gleich verhältst?“

„Ich hoffe!“

„Ja genau! Das ist auch der Grund warum du hier bist. Es ist die Hoffnung die dich in die Kneipe gespült hat, nicht dein Kumpel. Stimmt`s?“

„Ja, ja das stimmt.“

„Du hast die Hoffnung, dass irgendwann eine dir die Arbeit abnimmt. Du hast die Hoffnung, dass irgendwann eine Frau dir liefert was du willst. Soll ich dir einmal etwas sagen?“

„Was denn?“

„Das war sie die Blonde von eben! Das war sie! Sie hat geliefert, doch du hast es verpennt! Mehr kann eine Frau nicht tun als sie. Mehr Steilvorlage geht nicht! Ein bisschen Würde haben die Frauen ja auch!“

„Scheiße, es tut mir leid!“

„Ach vergiss es! Du wirst noch hundert Jahre warten müssen! Hundert Jahre Selbstmitleid genießen können und hunderte Frauen beleidigen indem du Herumstehst und böse Miene zum guten Spiel machst! Ach leck mich doch…“

.

Die Bedienung kommt mit meinem Bier. Endlich! Sie stellt es vor mich in. Ich reiche ihr einen Schein und warte auf mein Wechselgeld. Oh man ist das voll hier! Ich hasse volle Kneipen. Und … Oh Mann bin ich froh das es diese Siri nicht gibt. Was für eine penetrante Figur. Wäre sie hier, sie würde mir den ganzen Abend verderben.

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4.0 Vorwort Teil IV: Wie man sie los wird

Nehmen Sie sich mal vor nicht mehr schüchtern zu sein. Viel Vergnügen! – Das funktioniert nicht. So einfach ist das nicht.

Schüchternheit hat eine psychologische Doppelspitze: Das Selbstwertgefühl UND das Verhalten ist gestört. Beides befruchtet sich gegenseitig. Geringer Selbstwert zieht schüchternes Verhalten nach sich, schüchternes Verhalten verringert den Selbstwert und so fort. Munter geht das immer so weiter.

Will man nicht mehr schüchtern sein, muss man beide Dinge in Angriff nehmen, das Selbstwertproblem und das Verhalten und zwar gleichzeitig. Da beides zur Hartnäckigkeit neigt, muss man eben noch hartnäckiger als Hartnäckig sein. Daran führt kein Weg vorbei.

Es gibt viele Arten der Schüchternheit. Es gibt auch viele Methoden dazu. Beim dem Einen werden diese Methoden funktionieren, bei einem anderen jene.

Ich habe den direkten Weg gewählt: Konfrontation! Frontalangriff!

Dazu musste mir allerdings erst einmal auffallen was mein Problem überhaupt war. Es steht nicht drauf was Schüchternheit ist. Schon das ist ein Problem. Da denkst du jahrelang das Glück sei ungleich verteilt, da stellt sich heraus, du bist nur schüchtern. Das musst du erst einmal verstehen!

Aber hatte ich einmal die Schüchternheit als mein Problem identifiziert, habe ich es angegriffen, von allen Seiten.

Meine Schüchternheit galt dem Umgang mit der Frau.

Wie macht man das in diesem Fall? Wie geht man gegen diese Schüchternheit vor. Literatur gibt es dazu reichlich. Kein Buch kann den Selbstwert erhöhen und Verhaltensänderungen kann man sich nicht erlesen. Das muss man sich erkämpfen. Deswegen helfen Bücher nicht viel. Das einzige was hilft ist: Du musst etwas tun.

Also hinein ins Getümmel. Hinein in die Konfrontation mit der Frau. Jetzt aber nicht mehr als Opfer, jetzt gezielt und bewusst mit Angriff auf die eigene Psyche.

Ich habe eine Menge probiert: Gespräche, Therapien, Bordelle, Dating, PickUp, Swingerclubs, ich habe nach jedem Strohhalm gegriffen. Ich war sehr aktiv. Und was davon hat schließlich funktioniert? Nichts richtig und alles ein wenig. Unbefriedigend ist diese Antwort, aber genau so war es.

Die Schüchternheit wich wie sie entstand. Entstanden ist sie als Nieselregen, lauter kleine Erniedrigungen erschufen sie ja. Lauter kleine Erfolge vertrieben sie mir. Unablässiges Versuchen, unaufhörliches Bewusstmachen: „dein Ego bescheißt dich“, hartnäckig Verhaltensänderungen vorantreiben, all das, vertrieb nach heftigen Widerständen, das was mir lange schädlicher Begleiter war: meine Schüchternheit.

3.6 Ein sehr böses Spiel

Oh Man will ich diese Frau! Ich habe sie neulich berührt. Meine Haut hat vibriert. Der Witz ist: Ihre Haut auch! Nicht witzig ist: Wir finden nicht zueinander.

Sie, das ist Dani. Dani ist groß, sie ist fast dürr. Dani ist mehr Körperspannung als Körper. Das ist genau so, wie ich es mag. Dani hat eine blonde Löwenmähne und Dani dominiert ihr Umfeld wie eine Lehrerin der spanischen Hofreitschule ihre Pferde. Aber das ist nur Fassade. Man braucht keinen Röntgenblick um zu erkennen, was für eine Art Mädchen sie ist. Sie ist ganz lieb, ganz empfindsam, ganz weich. Sie gehört zu den seltenen Frauen die etwas ganz besonderes sexuell wollen: Hart-zart! Und sie fordern es. Doch das ist unglaublich schwierig. Kaum ein Mann kann es. Männer können entweder hart, oder sie können zart. Die meisten können nur dumm. Das Gemeine ist: Ich kann es, das Hartzart. Das ist keine Angeberei. Wenn ich irgendetwas kann, dann ist es das. Ich bin dafür konstruiert. Aber wir finden nicht zueinander, die Dani und ich.

Wir sind uns im Internet begegnet. Sie hat mich entdeckt und angeschrieben. Natürlich hat sie das, wie sonst. Zufällig habe ich sie später auf einer Fete gefunden. Ihre Löwenmähne war unverkennbar. Tatsächlich habe ich sie angesprochen. Welcher Teufel mich da ritt weiß ich nicht. Völlig untypisch ist das für mich.

Jetzt begegnen wir uns in schöner Regelmäßigkeit auf Feten. Wir gehen nämlich auf die gleichen Events. Wir haben den gleichen Geschmack und wir mögen die gleiche Musik.

Aber Dani und ich finden nicht zusammen. Mal ist sie in Begleitung, mal bin ich es. Mal ist dies, mal ist das. Mal geht es ihr schlecht, mal habe ich meinen Frust. Es ist wie verteufelt. Es gelingt uns einfach nicht. Wir haben schon versucht uns zu verabreden, auch das gelingt nicht. Wir finden keinen Termin. Absurde Dinge passieren und zustande kommt es nicht. Oder wir schaffen eine Verabredung, aber es kommt etwas dazwischen. Verabreden geht also nicht.

Ich könnte mich ja jetzt zufrieden geben. Ich könnte sagen: dumm gelaufen, manchmal hat man Glück, manchmal hat man Pech. Aber so ist es nicht. Es ist kein Pech. Es liegt an mir. Ich bin zu ungeschickt. Es gibt immer Möglichkeiten. Es gab Gelegenheiten an der Zahl, aber ich nutze sie nicht.

Ich bin schüchtern. Am Anfang bin ich schüchtern. Es will nicht in mein verdammtes Hirn, das sie auch etwas von mir will. Der Gedanke ist mir absurd. Er ist so absurd, dass ich kopfschüttelnd auf der Tanzfläche stehe. Es will einfach nicht in meinen Kopf.

Und Dani ist ja nur ein Bespiel. Eines von Vielen. Aber eben jetzt ist es Dani und Dani gelingt mir nicht.

Ich sehe ihre Zeichen, ich sehe was sie will. Und was sie will hat sehr angenehm mit mir zu tun. Ich verstehe die Zeichen. Aber ich fühle die Zeichen nicht. Ich kann nicht fühlen, dass sie etwas von mir will. Das Gefühl fehlt. Es fehlt mir immer. Immer. Immer. Immer. Da ist nichts, da ist ein Loch, nichts fühle ich da wo ich „die Frau findet mich toll“ fühlen soll. Da ist absolut nichts. Es klingt albern, aber dieses „nichts“ frisst mich auf.

Mit diesem „Nichtgefühl“, diesem „nichts“ an der Stelle, wo ein „sie will mich“ sein müsste entsteht auch kein „du darfst“. Ohne „du darfst“ tust du nichts. Ohne „du darfst“ kommst du dir vor wie eine Störung, wie eine Zumutung für die Frau. Vielleicht kannst du noch denken sie tanzt gerne mit dir, oder sie mag es, wenn du sprichst, mehr kannst du aber nicht.

Und ich mag diese Frau. Ich mag diese Dani. Ich finde sie nicht nur steil, ich finde sie auch sehr sympathisch. Ich mag dieses verletzliche Mädchen hinter der Löwenmähnenfassade. Ich mag sie jedes Mal mehr, wenn ich sie treffe. Und je mehr ich sie mag, desto mehr halte ich mich zurück und belästige sie nicht. Jemand den man mag, belästigt man nicht.

Belästigen würde ich sie, würde ich ihr zeigen, was ich von ihr will. Mehr als Belästigen kann es nicht sein, sie will es ja nicht. Würde sie es wollen so würde ich es spüren, doch ich spüre nur „nichts“. So drehen sich die Gedanken im Kreis und der Abend vergeht. So einen Unsinn muss man sich erst einmal zusammendenken, oh man…

Ich falle auf eine Fata Morgana herein. Ich weiß das, aber ich kann nichts tun: Mein Kopf sendet sie will mich nicht. Natürlich küsst man sie dann nicht. Natürlich mache ich nichts. Ich bekomme kein Grünes Licht! Das ist alles! Egal was Dani macht, meine Ampel springt nie auf grün, nie auf ein „du darfst“. Meine Ampel hat kein Grün, sie hat nur Rot, es brennt immer nur ein rotes Licht, sonst brennt nichts. Um sie zu küssen, müsste ich mir sagen: „Ich vergewaltige sie jetzt.“ Ich müsste es tun, ohne das grüne Licht. Aber so bin ich nicht. So mies bin ich nicht.

Das Ergebnis ist immer das gleiche. Ich bekomme es nicht hin. Auf einer Sexfete schaffe ich es nicht einer Frau in die Augen zu schauen. Nicht einmal dann, wenn sie mir gesagt hat, dass sie mich will. Dani hat es mir gesagt! Wortwörtlich! „Mit dir würde ich einmal gerne. Aber so was von!“ Mehr geht wohl nicht. Mehr kann Dani nicht tun.

Ich muss nicht erklären, wie unfähig ich mich fühle oder? – nein, das muss ich nicht. Aber das, genau das, dieses miese Gefühl, das fühle ich sehr wohl! Da kennt es keine Gnade das Gefühl. Da ist auf einmal jede Menge grünes Licht. Für dieses Gefühl ist es auf einmal da. Für das Gefühl „du bist ein jämmerlicher Wicht.“ Wohin ich schaue, wohin ich blicke, für dieses Gefühl überall grünes Licht.

Das ist ein sehr böses Spiel.

3.5 Gelernt ist gelernt

Es ist jedes Mal schrecklich, aber doch mache ich mit. Zwei meiner Kumpels gehen Abschleppen und ich bin dabei. Ich bin dabei als drittes Rad am Wagen, als Chauffeur oder Eckfähnchen, egal wie man es nennt, deplatziert bin ich auf jeden Fall. Ich mag das nicht. Einerseits langweile ich mich zu Tode und andererseits vergehe ich vor Leid, jedes Mal.

Denn die können das, meine Kumpels, das mit dem Abschleppen von Weibern. Heute, wie meistens in einem extracoolen Schuppen, diesmal mit viel Neon, stehen sie kurz nur herum und visieren ihre Beute an. Sie schlagen zu. Ich gehe nur mit und halte die Stellung. Diesmal geht es hin zu drei Mädels, eine kleinen Gruppe, das ist ideal. „Eine Göttin mit ihren Zofen“, ist mein Gedanke, ja das trifft es ganz gut. Die Göttin ist unglaublich: – elegant, groß, sehr schlank, mit silikonisierten Brüsten, puppenhaftem Gesicht und glattschwarzem Haar. Das sind lauter Attribute, die ich mag. Die Frau ist ein Vamp, die frisst uns drei zum Frühstück und das bemerken meine Begleiter wohl auch: Ihre Ziele sind die Zofen und sie lassen den Vamp links liegen. Das geht schnell, mit ziemlicher Routine verwickeln die beiden jeweils ihr Opfer in ihr Gespräch. Sie sprechen sie an. Ohne Scheu machen sie das, ein wenig frech, da mit eindeutiger Absicht, aber nicht plump. Es gefällt, die Mädchen lächeln und nicken. Was sie da sprechen? – keine Ahnung. Ich stehe etwas entfernt und kaschiere meine Verlegenheit mit dezenter Arroganz. Jaja, da ist sie wieder, die Situation des Eckfähnchens, meine gute alte Vertraute, macht aber nix, ich schau mir das an.

Meine Jungs machen das gut. Die Frauen lachen, lassen sich zu einem weiteren Glas einladen, die Mimik ist lebendig, die Unterhaltung wohl auch – ich sehe schon: Der Mut wird belohnt.

Und ich? Ich die Eckfahne, schaue zur Seite und finde neben mir die Göttin. Sie schmunzelt, genau wie ich. Auch sie hat das Quartett beobachtet. Wir prosten uns zu und verkneifen uns unseren wortgleichen Kommentar. Coole Geste! Aus versehen gelungen – und die Göttin lächelt zuckersüß bis verschmitzt.

Etwa fünf Minuten schweige ich mit ihr. Ich fühle, dass sie wartet. Da, wo sie steht, ist mir ganz heiß. Sie wartet auf irgendetwas von mir. Aber sie wartet umsonst: Ich stehe herum, trinke zu schnell und in zu großen Schlucken. Sie spielt mit ihrem leeren Glas. Ich hole mir ein Bier. Bewusst frage ich nicht, ob sie noch etwas trinken will, ganz bewusst. Wieder zurück am Stehtisch, schalte ich um auf mein Standartverhalten, lebenslanges Training macht mich darin routiniert: Neutraler Blick, nirgendwo zu lange fokussieren, ganz bestimmt nicht bei ihr, scheinbar in sich ruhen, alles abprallen lassen und warten. Es geht um die ersten Minuten. Wertvolle Minuten sind das, denn jede Minute werde ich weniger Mann. Jede Minute, die ich nicht mit ihr spreche, jede Minute, die ich unbeholfen neben ihr stehe, senkt mein Ansehen in ihren Augen und das soll auch so sein. Denn bin ich unten, mehr Wurm als Mann, dann darf ich mit ihr sprechen. Als Mann, also als Gegenüber mit Interesse, geht das nicht, das steht mir nicht zu. Das ist grausam, denn alles in mir will mit dieser Frau reden, aber alles in mir sagt auch: Niemals! Keine Frau will mich als Mann – gelernt ist gelernt. Eine sehr destruktive Lektion!

So werde ich nach einer Weile ganz ruhig, denn spätestens jetzt ist es für einen hoffnungsvollen Kontakt mit ihr zu spät. Ich sehe es ihr an: sie hat mich beobachtet. Sie hat versucht, mich einzuordnen. Sie hat untersucht, was ich bin und jetzt ist sie belustigt. Ich bin für sie tot, ein Mr. Uninteressant. Es ist mir egal, es tut mir kaum weh, nur ein ganz kleiner Stich irgendwo da, wo das Herz ist – nein, halt! Das ist gelogen! In mir schmerzt es überall. Eigentlich muss ich mich krümmen, aber man sieht es mir nicht an. Ich bin gut im Aufrechterhalten vom aufrechten Gang.

Jetzt beachtet sie mich nicht mehr. Sie spricht kurz mit einer der Zofen und wendet mir den Rücken zu. Gut! Jetzt bin ich sicher, denn ich bin ganz unten, jetzt bin ich nur ein Neutrum. Ich, endlich Neutrum, betrachte ihren Rücken, betrachte ihre Figur und ihre Beine – alles ist elegant, alles ist begehrenswert. Ich schlucke, aber jetzt ist es gut. Es ist einfacher, wenn man keine Hoffnung hat. Ich bin nicht dabei, in diesem Spiel, ich bin nur Eckfahne. Und Eckfahnen stehen herum, sind harmlos und flattern ein wenig im Wind. Die Eckfahne leidet wie ein Hund.

Und dann kommen die Göttin und ich doch ins Gespräch – und wie! Es ist mir aus Versehen passiert. Nach zwanzig Minuten fällt irgendwann ein Wort und dann noch eins und noch eins und schon sind es Sätze. Die Frau ist nicht nur schön, sondern auch eloquent. Das macht Spaß und unsere Unterhaltung wird richtig intensiv. Sie wundert sich, ich kann es ihr ansehen. Sie hielt mich für eine Null. Aber ich kann reden. Ich bin ja nicht dumm, nur kaputt. Sie hatte mich nicht auf dem Zettel, aber sie ändert ihre Meinung. Sie wendet sie nun zu mir. „Also doch“, denkt sie und sie hat allen Grund. Insgeheim stimme ich ihr zu. Es passt: Wir haben uns wirklich etwas zu erzählen. Den Smalltalk haben wir direkt übersprungen, wir sind schon längst in medias res. Wir kommen von Hölzchen auf Stöckchen, wir verstehen uns, ei wer hätte das gedacht? Sie lacht, sie hat Mimik, sie fixiert mich, schiebt das Glas hin und her und spielt einmal sogar an ihrem Haar.

Mir wird mulmig, das Versehen von ihr irritiert mich. Ist ja schön, so schön zu reden, es macht wirklich Freude, doch die Göttin verwechselt da etwas: Ich komme nicht in Frage! Noch halte ich mich fest an der Idee, ich sei Neutrum, doch lange gelingt mir das nicht mehr, das merke ich schon. Ich will nicht, dass es mir möglich erscheint, das halte ich nicht aus. Dummerweise verstehen wir uns blendend. Das Gespräch lässt nicht nach.

Natürlich schaue ich ihr nie in die Augen, und nie fasse ich sie an – das tue ich nie, habe ich noch nie gemacht bei einer Frau. Das steckt so tief, ist so fest in mir drin: von keiner Frau der Welt kenne ich die Farbe der Augen und die Haut der Frau ist mir fremd. Ich bin freundlich, nett und zugewandt, aber niemals komme ich heraus aus der Deckung und bekenne: ich will! – Da ist viel zu viel Angst.

Das Gespräch springt und hüpft wie ein Flummi, eine Freude ist das! Wir unterhalten uns auch und im Besonderen über Männer und das hier: dieses Spiel. Ich erkläre ihr unter anderem: ich würde in Frieden kommen, ich wolle nichts, nicht einmal spielen, ich sei nur der Fahrer der beiden großen Strategen. Sie lacht herzlich und vertraut mir an, es gehe ihr ähnlich, nur genau umgekehrt, denn keiner spreche sie an. Es gäbe Abende, so versichert sie mir, wo sie komplett alleine stehe, also abgesehen von ihren Freundinnen. Ich gebe ihr die Idee auf den Weg einen Thron aufzustellen, das wäre ein passender Rahmen und zumindest einige ganz Mutige bäten dann um eine Audienz. Das ist total schleimiges Gerede, aber irgendwie habe ich das Gefühl, das es stimmt. Es ist mir egal. Das Bier wirkt. Ich plappere, wie mir gefällt. Es ist mir völlig einerlei, was sie denkt.

Da ich nie ihr Gesicht betrachte, geschweige denn ihre Augen, bemerke ich nicht was ich auslöse: Es gefällt!

Als sie mich berührt, zucke ich zusammen. Berührungen kenne ich nicht, das bin ich nicht gewohnt. Aber diese Berührung war eine Botschaft und entsetzt wird mir die Nachricht klar: Ich habe die Burgmauer der Göttin im Vorbeigehen genommen. Ich stehe oben auf den Zinnen, ein kleiner Hops und ich stünde im Burghof. Ich sehe es in ihrem Blick, ihrer Gestik, wie sie am Glas nippt und mich dabei anschaut: ich bin willkommen. Sie hat den Wachen ihrer Burg „Einlassen“ befohlen. Das darf nicht sein, ich werde zu Stein. Was für ein absurder Gedanke: Ich und sie! – wenn die Göttin wüsste, wie wenig ich bin.

Meinen Erfolg bemerken auch meine Kollegen, die staunen nicht schlecht ob meiner Aus-Versehen-Eroberung. Ich sehe es ihnen an. Einer hebt eine Braue. Kein Wunder, einen Erfolg hat es noch nie gegeben bei mir. Da fällt mir ein Weg ein, die Sache zu entspannen. Ich kläre den Irrtum hier auf. Die Gelegenheit kommt prompt: Auf einen belustigten Blick meines Kollegen sage ich laut: „Ach, vergesst es, die Frau ist ein Panther und frisst kein totes Fleisch.“

Diese Erniedrigung wirkt, der Unterton ist so ehrlich, dass nach dem ersten Gelächter etwas bei dem Gespräch mit der Göttin zerbricht. Sie schaut etwas verstört. Sehr zögerlich nippt sie an ihrem Weinglas. Sie hält es für eine Masche, da ich aber nun schweige und auf arrogant umschalte, begreift sie: Ich bin doch nur Eckfahne. Es war ein Versehen. Jetzt bin ich wieder unten – Gottseidank.

Ich schweige weiter, wiederhole das Manöver von eben: besorge mir ein Bier und ignoriere sie gekonnt. Etwas deplatziert steht sie da neben mir, wenn mich nicht alles täuscht, fühle ich da Wut, die neben mir zündelt. Aber ich bleibe eisern. Dabei muss ich mich zurückhalten, denn ich möchte mit ihr  reden. Es war so schön mit ihr. Doch ich bleibe der, der ich bin und mein Blick schweift umher.

Nach zwei, drei Minuten eisernen Schweigens stellt sie ihr Glas ab. Sie tippt noch einmal mit einem Finger auf den Glasrand. Ihr Blick kreuzt den meinen. Ich hatte Recht: da ist Wut in ihren Augen; Und Mitleid! Mitleid ist da auch. Die Wut macht sie noch attraktiver, aber ihr Mitleid ist ein Dolchstoß, aber auch das halte ich aus. „Ich gehe dann mal Fischen.“, sagt sie lasziv und sadistisch und wendet sich von mir ab. Sie verschwindet in der Menge.

Natürlich schaue ich ihr nach. Ich genieße den Schmerz und davon habe ich gerade reichlich. Dieser Schmerz, dieses Gefühl, etwas nicht zu bekommen, weil man versagt hat, es ist fabelhaft! Der Schmerz ist mein Freund. Der beste Freund, den ich habe. Wo Schmerz ist, da ist Leben. Der einzige Hinweis auf Lebendigkeit, den ich habe.

Jetzt wird der Abend wie üblich: Ich stehe herum, rauche zu viel und schaue in die Menge. Manchmal bleibt mein Blick irgendwo hängen, doch meist ist er ziellos. Wohin ich schaue, ich sehe nur Unerreichbares: Männer die mit Frauen flirten und retour. Ich sehe den Spaß der anderen. Das Lachen der Leute, die Gespräche, dieser Tanz der Frauen und Männer um die heilige Frage: Soll ich, oder soll ich nicht? Das Leben flackert hier hell. In mir ist es dunkel. Ich trinke mein Bier.

Weil ich nichts anderes habe, nicht einmal einen Gesprächspartner, denke ich arrogant: Ich stehe da drüber. Wie dämlich die anderen sind, den Weibern nachzujagen und alles für nichts. Die meisten gehen eh allein nach Hause, was für ein Aufwand und Gerede für lau. Aber diese Gedanken sind fadenscheinig. Es ist eine Lüge! Das weiß ich genau. In mir ist es schrecklich. Ich tue nur munter, alles in mir ist kahl und leer. Mir ist klar, was ich getan habe: Ich habe mich für den Schmerz entschieden, nicht für die Frau. Meine Entscheidung ist immer genau diese, ich gehe immer diesen Weg. Ich kann gar nicht anders. Den Weg hin zur Frau kenne ich nicht. Ich habe noch nie meinem Wunsch nachgegeben, nicht einmal im Suff, noch nie bei irgendeiner Frau. Da bin ich stolz drauf: So viel Härte muss man erstmal haben. Doch eine Stimme in mir mahnt: Es ist Schwäche, da ist etwas kaputt. Ich verblute an einer Wunde, denn alles in mir schreit nach Frau.

Ich kenne meine Schwäche. Meine Schwäche ist mein Ego. Ich fühle mich unwürdig. Einer Frau zu zeigen „Ich will“? Das kommt nicht in Frage, so gemein bin ich nicht. In meiner Vorstellung muss sich eine Frau fast erbrechen, wenn sie erfährt, dass ich etwas für sie empfinde. Was für eine Nötigung ist das bitte für eine Frau? Also schweige ich. Gelernt ist gelernt.

Ab und an hole ich mal ein Getränk, auch für einen meiner Kollegen, reiner Zeitvertreib ist das. Einmal treffe ich dabei auch die Göttin im Gedränge. Sie ist beim Fischen. Ich zwinkere ihr zu, sie zwinkert zurück.

Der Abend wird elend, einsam und lang. Natürlich denke ich an sie. Ich suche sie nicht mit dem Blick, dazu bin ich zu stolz. Auch Eckfahnen haben ein wenig davon. Die Bar ist voll und ich bin mittendrin, mittendrin und unglaublich einsam. Ich bin hier falsch, ich will hier raus, ich will mich betäuben. Das Spiel überall vorgeführt zu bekommen, ist sehr sehr schmerzhaft, ich könnte kotzen, so heftig ist das in mir, dieses Gefühl des einsamen Neids. Doch ich lächle, gelernt ist gelernt.

Nach Stunden wird aufgebrochen. Auch die Göttin bricht auf mit jemandem im Schlepp. Kurz treffen sich unsere Blicke, meiner ist müde. Ich bin erschöpft vom Ringen mit Einsamkeit, Neid und Entsagung. Und das Schlimmste kommt noch: Das Gefühl nach dieser Party, dieses gähnende Loch: Ich bin wie immer allein, der einzige Funken Leben ist Schmerz.

Das mit der Göttin ist bitter. Das war knapp und deshalb besonders schmerzhaft. An so eine Frau komme ich niemals heran. Mein Gegner ist nicht die Frau, ich bin es selber, ich weiß das. Aber kämpft man gegen sich selbst, verliert man so oder so.

Zum tausendsten Mal denke ich den einen Gedanken: Ich muss diesen Kreislauf durchbrechen, sonst krepiere ich daran. Aber wie?

Während ich diesen Gedanken denke, kommt die Göttin in mein Blickfeld. Sie geht zur Tür. Sie war erfolgreich und hat sich jemand geangelt. Für sie wohl das kleinste Problem. Mit ihrem Fang munter plappernd, geht sie zur Tür. Doch dann hält sie inne. Sie hat meinen Blick gespürt. Sie wendet sich um. Ihre Augen verengen sich. Sie bedeutet ihrem Begleiter zu warten und kommt auf mich zu. In ihrem Blick ist ein Funken Sadismus. Vor mir bleibt sie stehen, sehr nah. Tatsächlich bin ich ganz locker und schaue sie an. Innen bin ich aus Stahl, denn ich weiß, was jetzt kommt. Ich kenne das von dutzenden anderen Gelegenheiten. Die meisten sagen es mit Blicken, doch sie spricht es aus: Sie fasst mich am Kinn und spricht. Mehr lese ich es von ihren Lippen, als dass ich es höre: „Du hättest mich haben können, du Idiot!“ und sie geht.

3.4 Neben der Federfrau

Da ist sie wieder. Diese Frau mit der Federkette. Sie ist klein und schlank. Ihr Haar hat einen kurzen Schnitt. Sie trägt immer Coursage. Um den Hals schaukelt eine Kette aus weinroten Federn. Weinrot ist ihr Haar. Das passt. Die Federn sind ihr Markenzeichen. Zumindest ist es das für mich. Ich erkenne sie von Weitem daran. Sie ist die Federfrau. So nenne ich sie.

Sie hat mich angelächelt. Dieses Lächeln hat mir den Abend gerettet. Das hat sie schon einmal gemacht. Das ist ein paar Monate her. Sie hat gelächelt und ich war nicht mehr ganz so allein. Das war an einem ähnlichen Ort, bei gleicher Musik.

Die Federfrau ist mir sympathisch. Sehr sympathisch ist sie mir sogar. Ich glaube sie ist sehr angenehm. Freundlich ist sie auf jeden Fall. Nur freundliche Menschen lächeln einen so an.

Ich würde mich unglaublich gerne mit ihr unterhalten. Sehr gerne würde ich das. Ich bin mir sicher, das wäre schön. Sie ist interessant. Sie ist an der Oberfläche lustig, aber das verdeckt nicht ganz ihren traurigen Kern. Als ich sie das erste Mal sah, es ist fast ein Jahr her, war meine erste Empfindung Einsamkeit. Jetzt hat es sich etwas gegeben. Es ist weniger heute. Da ist nicht viel, aber da ist eine Spur. Diese Frau trägt eine Spur Einsamkeit mit sich herum. Einsamkeit kann sehr geheimnisvoll sein. Für die Anderen ist es ein Geheimnis, für einen selbst ist es das nicht. Die eigene Einsamkeit ist immer trivial.

Vielleicht bilde ich mir das alles nur ein. Vielleicht liegt es daran, wie sie tanzt. Sie tanzt für sich und blickt herum. So mache ich das auch. Vielleicht denke ich daher an Einsamkeit. Ich denke mir für sie, was ich bin.

Die Bässe dröhnen und ich tanze. Wir tanzen gemeinsam auf der Tanzfläche, die Federfrau und ich. Aber in unterschiedliche Richtungen wenden wir uns. Hier sind viele Andere. Peinlich genau achte ich darauf genau gleich lange in alle Richtungen zu schauen. Ich vermeide Augenkontakt. Und ganz bestimmt, ganz, ganz bestimmt schaue ich nicht eine Sekunde länger als nötig zu der Federfrau. Ganz bestimmt tue ich genau das nicht!

Ich kenne niemanden hier. Absolut niemanden kenne ich in diesem Club. Ich bin alleine hingegangen. So gegen neun, habe ich mich angestellt in der Reihe vor dem Eingang. Eine Schlange an Menschen wartete dort. Alle schwatzten, viele lachten, einige rauchten.

Alleine als Mann auf einer Sexfete. Das ist nicht einfach. Als Mann ohne Frau an deiner Seite hast du sehr schlechte Karten. Du wirst ignoriert. Die Männer sehen dich als Rivalen und die Frauen denken du willst nur das Eine. Dabei stimmt das nur bedingt. In Wirklichkeit ist „das Eine“ für die meisten Männer der Wunsch nach Kontakt, nicht nach einem Fick. Das wissen sie nur nicht.

Fast alle sind hier miteinander bekannt. Alle in dem Club kennt sich irgendwie. Die Leute stehen in Gruppen zusammen und bilden „Wagenburgen“. So nenne ich das. Es ist wie im Wilden Westen. Die Männer stehen außen. Sie ersetzten den Ring aus Pferdefuhrwerken. Sie sind die Phalanx. Die stärksten Männer stehen an den schwachen Flanken. In der Mitte sind die Frauen. Sie tanzen dort, quatschen und schauen. Sie fühlen sich gut dort. Dort sind sicher. Ein ganz alter Instinkt.  Unbewusst stellen sich die Menschen so auf. Anthropologen hätten ihre Freude daran. Warum ist eigentlich nie einer hier?

Ich gehe oft alleine auf diese Feten. Zunächst sitze ich herum. Wenn die Musik gut ist fange ich an zu tanzen und höre nicht mehr auf. Ich tanze gerne. Ich tanze für mich alleine. Ich spreche niemanden an. Das ist einsam so alleine unter all diesen Fremden. Sind es Fremde? – Die meisten habe ich schon zwanzig Mal gesehen. Wir haben schon zwanzig Abende gemeinsam tanzend verbracht. Gesprochen haben wir nie. Man nickt sich auch nicht zu. Nichts ist da, da ist keine Kommunikation. Ich habe es versucht, am Anfang ein paar Mal. Ich habe mich an einige gewandt. Beim gemeinsamen Rauchen draußen, dort ist es nicht so laut. Ich habe ich einen Faden aufgegriffen, einen Kommentar gemacht. Manchmal habe ich auch einen Kommentar von ihnen aufgegriffen. Aber nichts ist passiert. Egal ob Mann oder Frau, derjenige nickt einmal, um mich dann zu ignorieren. Sie tun als sei man Luft. Bis auf die Federfrau. Die lächelte mich einfach so an und das überfordert dann.

Ich sagte ja, es ist nicht ganz einfach, als Mann.

Ich setze mich dem immer wieder aus und jedes Mal tut es mir weh. Ich trinke diesen Schmerz. Ich labe mich daran. Es ist eine Form von Masochismus. Mit jedem Beat dreht sich das Gefühl des „nicht dazugehören“ in meiner Brust. Genau wie ein Dorn im Fleisch dreht er sich ein bei jedem Schritt, bei jedem Beat. Ich mag das. Es tut mir weh und genau deshalb gehe ich immer wieder hinein in diese Clubs. In diese Clubs mit dem Sex, wo so vieles so nah erscheint, aber für unerreichbar ist.

Ich sollte damit aufhören. Womit jetzt noch mal?

Jetzt steht die Frau mit den Federn neben mir. Sie hat sich mit einem Mann unterhalten. Der Mann ist jetzt weg. Jetzt steht sie allein. Ich könnte sie ansprechen. Theoretisch könnte ich das. Ich würde so gerne ein wenig mit ihr sprechen. Besonders mit ihr. Es wäre gar keine Anmache, so wäre das gar nicht gemeint. Es wäre doch nur… ach egal, lassen wir das.

Sie steht da, nein, sie tanzt. Alles in mir ruft: „Sprich sie doch an! Sprich sie an!“ und alles ruft auch: „Auf keinen Fall! Tue es nicht! Auf keinen Fall! Wenn du sprichst ist es vorbei mit dem Schmerz!“ Da ist ein Kanon in meinem Kopf. Zwei Stimmen höre ich zugleich. Ich entscheide, wie ich immer entscheide: Ich tue es nicht! Ich will es so sehr und ich will es so sehr nicht. Ich verzweifle daran. Es ist immer gleich.

Ich spreche die Federfrau nicht an. Ich tanze weiter, genau wie sie. Dabei ist da für einen Moment das Gefühl, sie warte auf mich. Sie warte darauf, dass ich zu sprechen beginne. Immerhin hat sie mich eben angelacht. Sie hat mir gezeigt: „Ich habe keine Angst. Vor dir nicht.“ Warum auch, lach.

Ich weiß das. Ich kenne die Arithmetik von Frau und Mann. Ich bin nicht dumm. Da ist nur dieser Kanon in mir. Ich höre diese widerstreitenden Stimmen und im Ergebnis bin ich blockiert.

Die Federfrau tanzt noch eine Weile neben mir. Frauen tanzen nicht einfach so neben einem Mann. Das gibt es nicht. Sie wartet darauf dass sie angesprochen wird, wenn auch nicht ausgerechnet von mir. Auf wen sie wartet, weiß ich nicht, natürlich nicht.

Jetzt geht sie weg, die Federfrau. Sie geht wieder zurück zu ihren Leuten. Sie geht in die „Wagenburg“ hinein. Die Männer an der Flanke öffnen kurz einen Korridor für sie, sie schlüpft hindurch und die Männer schließen die Reihen.

Ich tanze weiter, schaue über die wippenden Körper. Ein halbes Dutzend Personen bewegen sich zur Musik. Es ist laut, Beat, Sirren in der Luft, Laser zeichnen Muster aus Licht. Ich weiß es schon jetzt. Was gleich kommt, tut mir sehr weh. Das hat mit Masochismus nichts mehr zu tun, das ist dann echtes Leid. Das macht mich kaputt, jedes Mal. Jedes Mal weiß ich es erst auf dem Rückweg. Erst da erkenne ich die Szene mit der Federfrau als das, was es ist: eine verpasste Gelegenheit.

3.3 Jack schweigt

„Da bist du ja Jack! Ich liebe Hochzeiten, schon nur wegen der Kleider.“

„Ich weiß Valerie, ich weiß. Hallo Valerie, hallo Beatrice, Fabelhaft ihr zwei. Ihr seht fabelhaft aus. Beide beieinander, jede für sich.“ Jack lächelt, doch sein Lächeln erreicht nicht seine Augen, dann doch, dann wieder nicht.

Sie begrüßen sich, Umarmung, Küsschen links, Küsschen rechts.

Es ist Hochzeit, viele Gäste, großes Fest, weiter Park, prickelnder Sekt, Cocktailkleider, dunkle Anzüge, die Sonne lacht, noch läutet die Kirche nicht. Gottseidank, auf der Wiese ist es schön. Die Kulisse ist wie im Film. Kein Wunder: des Bräutigams Eltern haben Geld.

„Du musst uns helfen Jack.“

„Was liegt an Valerie?“

„Beatrice braucht einen Mann. Hilf uns mal!“

Jack schaut zu Valerie, dann zu Beatrice, dann wieder zu Valerie.

„Ja, davon habe ich ja noch gar nichts gehört. Das ist neu!“ Er wendet sich zu Beatrice. Da steht sie:

Beatrice ist klein und schlank. Eine niedliche Person ist sie in einem fabelhaft engen Kleid. Es ist elegant aber einen Tick zu kurz für eine Hochzeit. Aber man verzeiht ihr. Beatrice verzeiht man das. Kecke Frau, keckes Kleid, das geht schon okay. Ein kindliches Gesicht hat sie mit einer frechen Stupsnase darin. Sehr rot ist ihr Mund. Ihre Gesten sind elegant, kurz, ganz manchmal tölpelhaft.

Drei Sekunden braucht sie um einen Mann zu verzaubern. Beatrice ist frech. Beatrice ist Französin. Und was für eine!

Jetzt lacht sie aus ihrem blassen Gesicht unter dem Pagenkopf. Ja, Pagenkopf: Französin durch und durch. Gespielt große Augen macht sie. Ihre Augen sind braun.

„Jack, es ist furchtbar! Schon fünf lange Tage lang bin ich einsam.“ Es klingt fabelhaft. Sie spricht mit französischer Sprachmelodie. Sie kann gar nicht anders. Wer will es auch Anderes hören?

Jack spielt Entsetzen, hält sich eine Hand auf die Brust und schaut zu Valerie und zurück.

„Mon deux.“ Schnarrt er. Es klingt grässlich. Er kann kein Französisch.

„Qui Qui,“ Beatrice hebt ihren Kopf zu Jack und zeigt mit dem Finger auf ihn.

„Noch eine Woche weiter so und ich wachse zu.“ Sie nickt und wedelt mit der Hand knapp unterhalb der Gürtellinie herum.

Jack wendet sich an Valerie. „Valerie, musstest du sie mitbringen? Sie spricht so schmutzig..“

„Nicht meine Schuld, sie stand auf der Gästeliste.“ Sie wedelt mit der Hand nach einem imaginären Insekt. „Was ist Jack? Hilfst du mir und Beatrice mit unserem rieeeeesigen Problem?“ fragt Valerie und macht große Augen.

Beatrice Augen funkeln. Sie schaut zu ihm. Wie eine Katze schaut sie. Sie ist die Katze, Jack ist die Maus. Doch die Maus will nicht Maus sein, die Maus ist keine Maus.

„Was ist mit dir Jack? Bist du noch frei oder ist deine Herz besetzt?“ Jack kichert. Beatrice kichert auch. Kein Blick wechselt.

„Tut mir leid Beatrice, tut mir wirklich leid.“ Spricht er in sein Sektglas und trinkt. „Mein Herz ist schon lange belegt.“ Er schmunzelt. Sie zuckt mit den Schultern.

„So eine Mist und nun?“ sagt sie und schaut unschuldig zu ihm.

Jack reicht Valerie seinen Sekt.

„Beatrice, wir suchen dir jetzt einen Mann. Hier Valerie, mein Glas, in einer halben Stunde bin ich zurück. Wir treffen uns hier und ich berichte. Selber Platz, selbes Glas.“

Valeria lacht und nimmt das Glas an. Jack bietet Beatrice den Arm. Sie hakt sich ein. Sie gehen los. Sie stolzieren über das Gras.

„So, Beatrice, was hast du dir denn vorgestellt?“ fragt Jack. Sie schaut ihn keck von der Seite an.

„Welche Mann?“

„Ja, groß, klein, reich, treu?“ Fragt er und schaut sie nicht an. Sie flanieren über maigrünes Gras.

„Oh, groß gerne, reich wäre schön, treu? – auf jeden Fall! Mindestens so wie ich.“ Sagt sie und schaut in die Ferne.

„Dann ist es also nicht wichtig?“ Sagt Jack. Sie hüstelt künstlich.

„Was denkst du von mir?“ sagt sie. Es klingt entrüstet. Er schmunzelt sie an.

„Valerie hat ein wenig geplappert.“

„Oje!“ flötet sie. Sie macht eine Schnute, grinst dann aber doch. Er nimmt sie fester in den Arm.

„Nein, jetzt mal im Ernst. Altersobergrenze, muss er schon Single sein? Diese Sachen…“

„Mitte Vierzig ist Ende…“ Sagt sie. Sie zieht mit ihrer Hand einen unsichtbaren Strich in die Luft. „…außer er ist reich. Ob gebunden oder nicht ist mir egal, ich steche die Andere aus.“

„Ich weiß Beatrice, ich weiß.“

Sie gehen ein paar Schritte. Jack lenkt sie auf eine Gruppe zu. Sie bleiben stehen. Er beugt sich zu ihr und spricht leise.

„Ich frage, weil, da drüben steht Stefan.“ Er deutet auf die Gruppe.

„Der Blonde?“ fragt sie. Er nickt. Sie runzelt die Stirn.

„Wer ist die Frau an seiner Seite?“

„Seine Freundin, schon viele Jahre, hält aber nicht mehr lange, es kriselt, außerdem betrügt sie ihn und kommt es heraus ist es aus.“ Beatrice schaut Jack verschwörerisch. Sie nippt aus ihrem Glas. Jack redet weiter: „Stefan ist o.k., arbeitet viel, braucht ein bisschen Beschleunigung, aber ansonsten o.k..“

„Woher weißt du?“

„Ich kenne Stefan aus dem Studium. Komm, wir schauen ihn uns an.“

„Bist du sicher mit Krise von die Beiden? Sieht gerade nicht so aus. Und woher weißt du von die Betrug?“

„Ich weiß es eben.“ Sagt Jack.

„Aus erster Hand?“ fragt sie und schmunzelt, doch Jack antwortet nicht.

„Also,“ sagt er, „wir mache es wie Agenten. Wenn er dir nicht gefällt zupfst du an deinem Ohr.“

„Nein,“ sagt Beatrice, „ich piekse dir in die Seite.“

„Auf keinen Fall, viel zu auffällig.“

„Gut, dann ziehe ich an deine Ohr.“

„Das ist gut Beatrice, das merkt keiner.“ Die beiden haben die Gruppe erreicht.

„Hallo Stephan…“

Fünf Minuten später zupft Beatrice an Jacks Ohr. „Ring Ring!“ sagt sie. Sie macht eine Schnute und zuckt mit der Schulter. Er lacht und sie verabschieden sich. Keiner versteht.

„Nein, zu langweilig“ sagt sie. Sie klingt enttäuscht. Er nickt.

„Ich weiß was du meinst. Sagt sein Weibchen auch.“

„Also doch aus die erste Hand?“ Beatrice schaut ihn munter an.

„Aber mal schauen, wir finden schon wen. Wäre doch gelacht, wenn ich dich nicht platziert bekomme.“

„Du meinst ich gehöre noch nicht zu die alte Eisen?“

„Sei einfach still du Biest.“ Grinst er. Sie piekt ihn in die Seite und lacht.

„Was ist mit Dir?“

„Was soll mit mir sein?“ fragt er.

„Wir würden gut passen wir zwei.“ Sie legt kurz ihren Kopf an seine Schulter. Versonnen macht sie das. Versonnen und mit großen Augen. Sie kann das gut, dieses Spiel. Er lacht und schaut über die Wiese.

Dann bleibt er stehen, sie zwangsläufig auch.

„Bernhard.“ sagt er in die Luft.

„Bernhard?“ fragt sie. Sie schaut ihn an. Sie versteht nicht.

„Jaaaa, Bernhard! Komm Beatrice!“ befielt er und dreht sich mit ihr im Arm auf dem Absatz herum. Sie schwingt an seinem Arm durch eine scharfe Kurve.

„Bernhard ist ideal.“ Erklärt er ihr während sie gehen. „Er ist etwas schüchtern und schnell verwirrt. Aber er ist nicht langweilig.“ Er hebt einen Finger wie ein Dozent an einer wichtigen Stelle des Vortrags.

„Aha!“ sagt Beatrice.

„Und er ist solo, schon seit Monaten. Da hat sich was aufgestaut, da hast du eine Weile zu tun.“

„Wer ist es?“ fragt sie.

„Da drüben, der Dunkle mit dem hellen Anzug.“

„Oh ja, zeig mir den. Wir schauen uns an. Kennst du ihn gut?“

„Ich stelle ihn dir vor. Für heute Abend bist versorgt.“

„Mein lieber Jack…“ beginnt Beatrice in nasalem Ton „…ich bemühe mich um eine ernsthafte Beziehung mit der …“

„Jaja,“ unterbricht Jack sie. „Hallo Bernhard!“ ruf er.

Bernhard dreht sich zu ihm. Er schaut irritiert. Mit dem Sektkelch in der Hand steht er da. Jack ergreift Bernhards Hand und schüttelt sie kräftig.

„Wie geht es dir Bernhard? Schon lange hier?“

Bernhard zögert. „Jack ich, also…“ Jack nickt ihm munter zu.

„Jack wir haben uns doch schon begrüßt.“ Sagt er endlich.

„Ich weiß Bernhard, aber es ist das optimale Intro.“ Er tritt ein wenig zur Seite und weist auf Beatrice.

„Beatrice, Bernhard, Bernhard, Beatrice.“ Die beiden geben sich die Hand. Jack tritt noch einen Schritt zurück und steckt sich die Hände in die Taschen. Er lächelt beide an und schweigt. Beatrice schaut zu Jack. Sie verzieht das Gesicht. Mit der Hand verdeckt sie ihren Mund. Sie macht ein sehr munteres Gesicht, wippt hin und her, grinst dann.

„Ich verstehe nicht ganz.“ Sagt Bernhard zögerlich. Hilfesuchend schaut er zu Jack.

„Ach so, sorry, natürlich, ich muss das ja erklären! Beatrice sucht einen Mann. Erstmal für heute, optional auch für länger.“

Bernhard schaut Jack regungslos an. Jack verdreht die Augen.

„Ja guck mich nicht so an, mehr kann ich dir nicht sagen. Ich habe sie nicht getestet. Die kann bestimmt was, man hört nur Gutes.“

Beatrice gackert, Jack blickt kurz zu ihr.  „Man hört viel Gutes!“ Ergänzt er und grinst. Beatrice fasst sich mit der Hand an die Stirn, sehr künstlich, sehr geziert. Bernhard schaut zu Beatrice, dann wieder zu Jack. Er reibt sich eine Hand am Sakko.

„Ahhh…“ bringt er heraus.

„Ja, komm jetzt, am einfachsten ist in so einer Situation, ihr tut so als seit ihr ein Paar. Da bekommt man den besten Griff. Man muss ja wissen wie sich der andere anfühlt.“

Jack macht ein Gesicht eines Autoverkäufers. Beatrice spielt mit. Ein kurzer Blick zu Jack und sie tritt zu Bernhard. Sie nimmt ihn in den Arm, stellt ein Bein vor und hält den Kopf geneigt.

„So Jack? So richtig oder enger?“ Sie lacht, schaut zwischen den Männern hin und her. Provozierend ist ihr Blick.

Bernhard beginnt zu lächeln. Er begreift, was für ein hübsches Vögelchen da an seinen Arm geflattert ist. Sein Blick haftet an Beatrice.

„Reicht völlig“ sagt Jack und lächelt breit. „Enger kannst du später noch. Ich bleibe nur noch zwei Anstandsminuten.“

Bernhard schaut ihn jetzt belustigt an. Beatrice passt in seinen Arm findet er.

„Brauchst du gar nicht, wir kommen klar.“ Sagt Bernhard.

„Hast du eine Ahnung Bernhard. Ich stehe hier zu deinem Schutz, nicht zu ihrem. Die Frau ist gefährlich.“

Beatrice streckt Jack die Zunge raus. Bernhard sieht es nicht. Jack lacht. Er zeigt mit dem Finger auf sein Ohr und zeichnet ein Fragezeichen in die Luft. Bernhard versteht natürlich nicht. Wie soll er auch?

„Was ist?“ fragt er, aber Beatrice reckt ihren Daumen zum o.k..

„Alles klar.“ Sagt Jack. Er schaut auf seine Uhr. „Die halbe Stunde ist um, ich muss zu Valerie.“ Er zwinkert zu Beatrice. Er betrachtet die Beiden, Beatrice und Bernhard. Sie stehen da Arm in Arm. Bernhard etwas steif, Beatrice mit belustigt versonnenen Blick. Er winkt mit der Hand, sie winkt zurück. Er geht.

„Dein Glas.“ Sagt Valerie. Sie reicht es ihm. Sekt prickelt darin.

„Danke.“ Antwortet Jack. Sie schauen beide Richtung Bernhard und Beatrice. Über die Entfernung wechseln Beatrice und Valerie einen Blick.

„Du bist ein Typ, Jack, echt! Eine halbe Stunde, wie du gesagt hast.“ Sie nippt an ihrem Glas. Er schnaubt.

„Nein wirklich Jack, hehe, oh man!“

„Das ist jetzt nicht wirklich schwer bei Beatrice. Es ist keine Kunst sie einem Mann schmackhaft zu machen.“ Sagt er. Er schmunzelt. „Ich meine, schau sie dir an.“ Er weist in die Richtung Beatrice.

„Sie ist der Knaller nicht war? Nicht eine Minute steht die still. Niemals.“

„Ja allerdings.“ Stimmt Jack zu.

Er blickt über die Wiese, die Leute das Fest. Valerie betrachtet ihn. Sie stellt sich neben ihn. Sie nippt an ihrem Sekt.

„Was ist mit dir Jack?“ fragt sie. Sie blickt zu ihm. Er aber blickt nicht zu ihr.

„Von dir hört man nichts. Kein Gerücht, keine Episode, nichts.“ Er schaut nicht zu ihr. Aber er reagiert. Er verzieht das Gesicht.

„Alles im grünen Bereich.“ Sagt er schließlich und lächelt. Das Lächeln erreicht seine Augen nicht. Valerie tippt ihn an mit dem Zeigefinger.

„Das glaube ich dir nicht mein Lieber. Dafür kennen wir uns zu lange, das stimmt nicht.“ Jack schweigt.

„Na komm, los, ich sehe es dir an. Wem gehört dein Herz. Das muss raus, los.“ Drängt sie. Er schaut kurz zu ihr. Es ist ein kurzer Blick, dann schaut er wieder in die Ferne.

„Wer ist sie? Ist sie vergeben? Kenne ich sie?“ forscht Valerie weiter.

„Ist es ein er.“ Fragt Valerie leise. Jack schweigt.

Er schaut auf das Grüppchen mit Bernhard und Beatrice, dann wandert sein Blick.

„Natürlich kenne ich sie, ich kenne alle deine Bekannten.“ Macht Valerie weiter und wieder an ihrem Sekt.

Valerie tippt Jack noch einmal mit dem Zeigefinger an, gleiche Stelle, gleicher Finger. „Los raus damit.“ Sagt sie und lächelt.

Jack schluckt. Er möchte es sagen, endlich irgendwie raus damit…

Er schluckt.

„Sag mal, Jack schämst du dich?“ fragt Valerie. Sie sucht seine Augen, doch sie erwischt nicht seinen Blick.

„Ja“ Sagt Jack und atmet aus.

„Ich verspreche dir es niemanden zu sagen, Ehrenwort, großes Ehrenwort. Wer ist es?“ fragt Valerie und hebt zwei Finger zum Schwur. Jack schaut zu ihr. Sie hebt die Augenbrauen. Sie wartet auf ihn.

Es will raus. Jack atmet ein. Endlich.

„Beatrice“ Sagt er leise. Valerie erstarrt. Kurz blickt er zu ihr. Ihr Mund steht offen. Er wendet den Blick ab.

„Beatrice…“ Beginnt sie. Sie versucht zu verstehen, das sieht man ihr an. Sie nippt am Glas, es ist ein winziger Schluck.

„Das verstehe ich nicht, Jack.“ Sagt sie und schüttelt den Kopf. Er nickt langsam, sagt aber nichts.

„Warum?…“ fragt sie und schaut steil hoch in den Himmel.  „Warum zum Teufel unternimmst du denn nichts?“ Jack schweigt. Sie zeigt mit ausgestrecktem Arm auf die Wiese.

„Jack sie wartet auf dich!“ sagt sie. Valerie atmet hörbar ein und aus.

„Unsinn.“ Sagt Jack, „das ist Theater, Shakerei zwischen uns.“ doch er weiß, dass es stimmt.

„Sie hat es mir gesagt Jack! Mehr als einmal! Sie wartet!“ Valerie spricht jetzt ziemlich laut. Jack mahlt mit den Zähnen. Er verzieht das Gesicht. Sie schüttelt den Kopf.

„Wo ist dein Problem Jack?“ Jack zuckt kurz mit den Schultern. Er möchte antworten, er kann aber nicht. Er hat keine Antwort, er weiß nur, dass es nicht geht. Warum es nicht geht, das weiß er nicht.

Wenn er es wüsste, dann würde er Valerie antworten. Er würde es wirklich tun. Er würde ihr sagen: „Es steht mir nicht zu. Beatrice steht mir nicht zu. Ich habe Angst vor dem Glück, denn ich bin an das Unglück so köstlich gewöhnt. Der Schmerz macht so lebendig. Der Schmerz ist meine Droge, mein Morphin. Er ist mein Glück und mein Unglück zugleich.“

Doch er fühlt es nur, er kann die Wahrheit nicht greifen. Für Worte oder gar für einen Satz reicht es nicht. Deshalb schüttelt er den Kopf und schweigt.

Valerie trinkt einen großen Schluck aus ihrem Glas. Jetzt ist es leer. Auch sie schüttelt den Kopf. „Ich fasse es nicht“ sagt sie „Du musst doch gar nichts tun, Jack. Gar nichts musst du machen, nur einen winzigen Wink und die sitzt auf deinem Schoß. Es wäre perfekt.“

Jack schluckt. Jack schweigt.

„Geht das schon die ganze Zeit so?“ fragt sie. Der Verdacht kommt ihr während sie spricht.

Jack beisst sich auf die Lippe. Er schweigt. Valerie fasst sich an den Kopf.

Jack kichert kurz. Er kann nicht anders. Zu absurd erscheint ihm das gerade. Beatrice auf der Wiese da vorne, das Gespräch hier…

Valerie wechselt den Gesichtsausdruck. Jack spürt ihren Stimmungsumschwung. Zu ihr hin blickt er nicht. Er meidet ihren Blick. Jetzt wirkt sie verschlagen. Sie hält ihr Sektglas Richtung Beatrice.

„Soll ich zu Beatrice gehen? Das könnte ich machen, ich stecke es ihr. Hilft dir das? Ich gehe rüber über die Wiese und dann ist alles gut. Nur einen Ton, einen einzigen Ton und ich gehe zu ihr.“ fragt sie mit Schärfe.

„Oh ja bitte bitte bitte bitte bitte mach das Valerie, bitte geh hin, bitte, bitte, bitte, sag es ihr, hol sie her, setze sie mir auf meinen Schoß, ja? Bitte, bitte Valerie, bitte, Valerie, bitte…“ denkt er. Es fleht in ihm.

Aber:  Jack schweigt.

3.2 Hängen und Würgen

Also er tut sich so schwer, so unendlich schwer damit. Aber wirklich: es ist Haare raufen! Es will ihm nicht gelingen. Es gelingt weder mit Körperhaltung, noch mit Gesten und noch mit Worten. Wörter gehen schon gar nicht, da kommt ihm nix über die Lippen, nichts was ihm hilft. Es ist eine Sperre, eine Blockade. Es ist schrecklich hoffnungslos mit ihm.

Worum es geht? – Es geht natürlich um Frauen. Es geht um das Ansprechen von Frauen, ist ja klar. Wo sonst gibt es so ein Hängen und Würgen beim Mann?

Er sitzt in einer Art Cafe mit ein paar alten Bekannten, man kennt sich und schlägt sich auf die Schultern zur Begrüßung, oder man gibt Küsschen, je nach Geschlecht. Da sitzt er und lümmelt sich auf dem braunen Sofa und quatscht so herum. Das macht zwar Spaß, aber heute mal wieder nicht, denn er will sie und das beherrscht seinen Kopf.

Er wusste, dass sie da sein wird und hatte eine Strategie entworfen, aber längst ist die Strategie Luft. Pläne und Strategien lösen sich auf, sitzt er vor der Frau, jedes Mal.

Sie sitzt neben ihm, sie gehört ja zur Runde und sie beteiligt sich kräftig am Gespräch. Sie gestikuliert wie immer wild mit den Händen, der ganze Körper geht mit im Gespräch. Denn Temperament hat sie, davon sogar reichlich und genau das ist es, was ihm gefällt. Er mag ihr Wesen, ihre Art zu lachen und ihre Art die Welt anzuschauen. Und er findet sie attraktiv, verdammte Axt, das wirkt dieses Zeigen von langen Beinen und Armen und das Räkeln mit der schlanken Figur. Das wirkt alles sehr, und er würde sich sehr gerne nähern, würde würde würde er gern.

Aber, und das ist ein grausames „aber“ für ihn, seine Kehle ist zu, sein Körper sträubt sich, es ist ihm physisch unmöglich ihr zu zeigen, was er will. Jedes Mal das Gleiche: er will ausdrücken, dass er mehr will als nur reden, doch der Körper sagt nein. Und das Sprachzentrum sagt es auch. Denn während er innerlich daran würgt irgendwie seine Botschaft zu senden, plappert er munter im Gespräch und wirkt desinteressiert an der Frau. Es wird so bleiben, egal wie er sich anstrengt.

Er kann die Frau gut und lange in ein Gespräch verwickeln. Das kann er schon und er kann es auch gekonnt. Aber sich nähern, das kann er nicht, niemals, das geht einfach nicht. Die Frauen irritiert das. Da passt was nicht zusammen: Einerseits ist er souverän, weiß was er tut und tut es mit Emphase. Er ist sehr zugewandt. Doch mehr kommt nicht, keine Antwort auf ihre Gesten, egal wie offensichtlich ihre Botschaft auch ist.

So wie jetzt: Er hat sie ins intensive Gespräch verfangen, es läuft munter, rund und schön. Er versteht sehr gut zu unterhalten und die Frau findet das gut. Es ist ganz offensichtlich, sie ist interessiert an der Sache und sichtbar interessiert auch an ihm: Sie fährt sich durchs Haar, die Art wie sie anschaut, ein dutzend Nachrichten sendet sie ihm. Doch während er spricht, ist es in seinem Mund ganz bitter, denn er weiß, dass es alles nichts bringt. Denn hier ist die Grenze, diese Linie an der man körperliche Zuwendung zeigen müsste, oder mindestens einen bedeutsamen Blick. Irgendeine all dieser kleinen Gesten, die den Weg weisen. Läuft es optimal, führt der Weg ins Bett. Aber diese Grenze ist unüberwindbar. Er sieht ihre Gesten, aber sie kommen nicht an. Er bezieht alles nicht auf sich, er kann es nicht fühlen. Er fühlt nichts von dem, was sie von ihm will. Es einmal zu übergehen, einfach mal riskieren, eine Sprung wagen? Das klingt einfach, ja theoretisch, doch er meint, dass sie ihn nicht will. Seine Augen sehen, dass sie sich streichelt, mit den Augen spielt und die Lippen benetzt. Doch er sieht nur eine Frau die sich kratzt. Vielleicht hat sie was im Auge? Alles Mögliche sieht er, aber das Gefühl das es Botschaften sind für ihn, das Gefühl hat er nicht. Das wäre vermessen. Das passt nicht, er ist doch ein Nichts und für ein Nichts kann so eine Botschaft nicht sein. Keine Frau will ein Nichts.

Er lässt den optimalen Zeitpunkt verrinnen, ganz bewusst, denn er will die Frau nicht verletzen. Er will ihr nicht zumuten, dass sie Stellung beziehen muss zu seinem Wunsch. Denn sein Wunsch ist in seinem Denken einseitig. Sie würde nur über seine Wünsche lachen, da verspielt er Sympathie. Die Idee, dass die Frau ihn auch will, also eventuell? – Unvorstellbar! Absurder Gedanke! Also wendet er sich ab und lässt sie ziehen.

Sie wird sich mit jemand anderen unterhalten und jemand anderen finden, das geht schnell. Er findet das gut, so soll das auch sein. Sie soll einen finden, der ihr gefällt und nicht ihn.

Das macht ihm alles nichts aus, sagt er sich. Doch er weiß: es ist gelogen. Es macht ihm was aus, es tut einfach weh. Es tut weh die Zuneigung nie zu bekommen, nie zu fühlen, dass einen jemand körperlich will. Und so lebendig der Schmerz auch macht, er ist bitter – jedes Mal ist es bitter, jedes verdammte Mal, bei jeder Frau!

Jetzt hat sie in berührt und er zuckt zusammen. Sie sitzt so nah und da ist es aus Versehen passiert. Ein Versehen von ihm, denn: Frauen berühren Männer nicht einfach so, das weiß er, also wieso berührt sie jetzt ihn? Sie kommt zu unverhofft, die Berührung, da muss er zucken, das ist ein alter Reflex.

Das war zu viel. Das ist selbst ihm jetzt zu idiotisch: Er muss lachen, also innerlich, ganz heimlich. Er muss lachen über seine Unfähigkeit. Das macht ihn noch kleiner. Ja, es geht noch kleiner, wer hätte das gedacht? „Oh man.“ Sagt er sich: „Sogar hier kann ich es nicht, wo soll ich es schaffen? Nicht einmal hier kann ich einer Frau zeigen, dass ich sie will, nicht einmal hier im Bordell!“