4.8 Viktoria!

Eine Fetischfete. Es ist eine von vielen. Es ist extrem. Ein extremes Ambiente ist das hier. Paul kennt das. Ihn kennt man auch. Die Bässe dröhnen, Elektrosound, Laserlicht, hunderte halbnackter Menschen stehen und tanzen im Saal. Paul geht an einer Sitzreihe entlang, darauf vögelt ein Paar.

Paul will zur Bar. Auf dem Weg dorthin steht André. André hebt den Arm, Paul schlägt ein in seine Hand.

„Und alles klar.“ fragt André. Es ist laut. Man muss laut sprechen um den anderen zu hören. Fast muss man schreien.

„Alles gut! Bei dir auch, wie ich sehe.“ antwortet Paul. Er zeigt auf die Andrés Begleitung. Eine Frau steht neben André. Sie ist Mitte Zwanzig, gute Figur, transparentes Latexkleid, keinen Slip, man kann alles sehen. Auf Highheels steht sie und grinst die beiden an. Sie ist bestimmt etwa High.

„Wer ist sie?“ fragt Paul.

„Das ist Viktoria.“ Sagt André.

„Du setzt also auf Sieg.“ sagt Paul zu André. Sein Blick gleitet von ihm zu ihr. „Hallo Viktoria, ich bin der Paul.“ Er reicht ihr die Hand. Sie lächelt, nein, sie grinst arrogant. Sie sagt aber nichts. Paul wendet sich zu André.

„Seit ihr verbunden?“

„Nein, gerade kennengelernt.“

„Und passt?“ fragt Paul. André schüttelt den Kopf. Viktoria lacht.

„Na, von mir aus ja,“ sagt André, er zuckt mit der Schulter, „aber von ihr aus eher nicht, wenn ich das richtig sehe.“ André stupst sie an. Sie schüttelt den Kopf, sie zieht eine Schnute. Wieder zuckt André die Schulter.

„Versuch du dein Glück. Harte Nuss, trotz der Aufmachung.“ Spricht er in Pauls Ohr und klopft ihm auf die Schulter. Er zwinkert ihm zu und geht.

Paul schaut zu Viktoria. Er tritt einen Schritt zurück. Sie steht da. Die Hüfte hält sie eingeknickt. Sie hebt eine Hand vor das Gesicht, sie lacht. Sie schüttelt den Kopf.

„Was ist?“ ruft Paul. Er muss rufen, sprechen reicht nicht, es ist zu laut. Sie geht einen Schritt auf ihn zu, damit er sie versteht.

„Werde ich gleich versteigert? Ich fühle mich so.“ fragt sie belustigt. Paul nickt.

„Ja, das kommt schon ungefähr hin.“ Antwortet er. Er geht wieder einen Schritt zurück und legt den Kopf schief. Er betrachtet sie von oben bis unten. Er hebt den Arm schulterhoch und macht eine rotierende Bewegung mit der Hand. Sie runzelt die Stirn.

„Was?“ ruft sie.

„Dreh Dich!“ ruft er zurück. Sie öffnet den Mund. Sie staunt.

„Was?“ fragt sie erneut.

„Dreh dich, damit ich dich sehen kann.“ Antwortet Paul. Sie hebt das Kinn. Sie lacht und dreht sich langsam betont lasziv um die eigene Achse herum.

„Gut so?“ fragt sie.

„Da kann man etwas draus machen. Bleib mal hier stehen, ich hole uns einen Drink.“ Sagt er.

„Okay.“ Sagt sie.

„Gin Tonic?“ fragt Paul.

„Fanta Jägermeister.“ Sagt sie.

„Pfuhi Teufel, aber du musst es ja trinken. Hier warten! Die Theke ist voll.“ Paul greift ihr in den Nacken, fixiert so ihren Kopf und gibt ihr einen kurzen Kuss auf den Mund. Dann geht er zur Theke.

Als er wiederkommt mit den Gläsern steht sie noch da. Sie tippt auf ihrem Handy herum.

„Oh, halte das Glas einen Moment, ich muss eben etwas schreiben.“ sagt sie ohne aufzuschauen.

„Ich stelle das Glas da hin.“ Er stellt ihren Drink auf einen Sims einer Säule. Die Säule ist vier Schritte entfernt. Sie schaut auf. Ihr Zeigefinger schwebt über dem Handy. Entgeistert schaut sie ihn an, aber es ist gespielt.

„Sag mal, kannst du nicht eine Minute ein Glas für mich halten?“

„Ich bin doch kein Stehtisch.“ Sagt Paul.

„Sie grinst und schaut wieder auf ihr Handy.

Paul nippt an seinem Drink. Er beobachtet sie. Sie tippt sehr konzentriert, dann schaut sie auf.

„Was ist?“ fragt sie gedehnt. Ihr Blick ist genervt.

„Coole Mimik hast du?“ sagt er. Sie schaut kurz zur Decke, sie lacht.

„Und das freut dich?“ fragt sie. Ihre Augen leuchten vor Spaß.

„Ja sehr.“ Antwortet er. Er trinkt. Sie steckt das Handy ein und verzieht den Mund. Er geht zur Säule und holt ihren Drink. Sie stoßen an.

„Du hast die SMS nicht abgeschickt.“ Sagt er. Ihre Augen werden zu Schlitzen.

„Mache ich später.“ zischt sie.

„Ich weiß“ sagt er und lacht. Sie guckt genervt. Er kommt nah an sie heran. Spricht ihr fast ins Ohr.

„Das ganze Repertuar. Du spielst echt alles durch, das muss man schon sagen.“ erklärt er und schmunzelt. Sie lächelt müde, sie kreuzt die Arme vor der Brust.

„Was meinst du?“ fragt sie gedehnt. Sie klingt genervt.

„Desinteressiert tun, mich als Boten schicken, so tun als wäre das Handy wichtiger… die ganze Schose.“ Er lacht sie an. Findet ihren Blick.

„Und das freut dich, ja?“

„Absolut, ein Riesenspaß.“

„Und wie geht es weiter, wenn ich alles durchhabe?“ Jetzt sucht sie den Blickkontakt.

„Spule es einfach alles noch einmal durch. Fange mit dem überlegenen Grinsen an. Nur so für die Etikette. Danach gehen wir vögeln.“ Sagt er. Er schmunzelt und schaut ihr in die Augen. Sie hebt das Kinn. Sie verzieht das Gesicht, sie lacht halblaut.

„Du glaubst doch nicht, dass du mich anfassen darfst“ sagt sie.

„Klar darf ich das. Du wartest ja drauf.“ Sie schaut ihn an, sie macht gespielt große Augen.

„Woran merkst du das?“ Sie kommt ihm sehr nah, fast an sein Ohr. Ihre Hand liegt kurz auf seiner Schulter.

„Du sprichst mit mir.“ Sagt er und schmunzelt. Sie haben Blickkontakt. Sie macht eine Schnute, sie grinst, dann nippt sie an ihrem Drink. Sie schaut zu ihm, zur Decke, wieder zu ihm und wieder trinkt sie an ihrem Fanta-Jägermeister Gesöff.

Er schmunzelt. Ein kleines Blickduell entsteht. Sie hebt das Kinn. Er legt ihr die Hand auf die Schulter. Dann küsst er sie. Erst ein zarter Kuss auf den Mund, nur mit der Spitze der Lippen. Dann ein intensiver Kuss mit Zunge. Sie macht mit.

Dann lässt er von ihr ab, bleibt dicht vor ihrem Gesicht.

„Dieses Fantazeug schmeckt scheußlich, aber du fühlst dich gut an.“ Sagt er streng. Sie kichert.

„Bist du soweit?“ fragt er. Sie schielen sich in die Augen. Geht nicht anders, sie stehen zu nah.

„Soweit? Für den Playroom?“ fragt sie. Sie hält den Kopf etwas geneigt.

„Ja klar. Dich nehme ich langsam. Wir lassen uns Zeit.“ Sie schmunzelt. Ein Blick wandert hin und her.

„Okay.“ Sagt sie. Sie nickt. Es ist ein kleines Nicken. Sie schmunzelt dazu. Dann streckt sie ihm ihr Glas entgegen. „Hältst du mal kurz meinen Drink?“

„Ich bin noch immer kein Stehtisch.“ kontert er.

„Oh Man, du bist echt die Pest.“ spricht sie laut. Sie macht eine Geste mit den Händen, fast schwappt ihr Glas über.

„Ja, aber die Pest fickt dich gleich.“ Antwortet er belustigt.

„Na gottseidank, dann hat das hier ein Ende.“ antwortet sie.

Sie kippt den Rest des Gebräus herunter. Er ergreift ihre Hand. Zwischen halbnackten Latexgestalten gehen sie Hand in Hand.

Im Gehen spricht sie zu ihm:

„Sag mal, Schüchternheit ist nicht so dein Problem, kann das sein?“

„Schüchtern?“ fragt Paul als habe er sie nicht verstanden. Sie nickt. Ein Lächeln huscht über Pauls Gesicht. Gedanken flitzen vorbei: Gina, Paula, Siri, die Hure in der Dusche, die Federfrau, Marc in der Schwulenbar… dann schaut er auf Viktoria. Er bleibt stehen. Sie tut es ihm gleich. Sie schauen sich an. Es ist nur ein kurzer Moment. Es ist ein schöner Moment. Seine Mundwinkel zucken.

„Wie sie da steht, wie wir da stehen, sie und ich vor dem Vorhang des Playrooms, einander unbekannt. Was für ein Weg! Wie einfach es ist! Viktoria ist Sieg!“  Das denkt er.

Er schüttelt den Kopf. Er lächelt sie an.

„Schüchtern? Nein Viktoria, wo denkst du hin!“ Er zwinkert ihr zu, schiebt den Vorhang beiseite und beide schlüpfen hindurch. Er lässt los, der Vorhang fällt.

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