4.5 Hallo du Idiot

„Sie können also nicht fühlen, ob eine Frau sie mag?“ fragt mein Therapeut. Er sitzt mir gegenüber. Ein sehr aufgeräumter Tisch steht zwischen uns. Darauf liegt meine Akte. Meine Akte ist ein dicker Stoß buntes Papier. Auf dem Tisch liegen außerdem eine Unterlage, zwei Stifte und eine Packung Taschentücher. Die Taschentücher liegen immer da. Sie liegen im rechten Winkel zur Tischkante, immer genau so liegen sie da. Es ist für den Fall dass jemand weint. Das kommt ja vor in Therapien, habe ich gehört.

Mein Therapeut sitzt nach hinten gelehnt in seinem Sessel. Das macht er oft so. Die Ellebogen auf den Armlehnen aufgestützt spreizt er die Hände. Die Fingerkuppen berühren sich leicht. Er führt etwas im Schilde, davon bin ich überzeugt.

Mein Therapeut und ich… Wir sind nach all den Jahren fast freundschaftlich verbunden. Man kennt sich. Ok, er kennt mich natürlich um Potenzen besser als ich ihn, das ist klar. Seit Jahren gehe ich zu ihm. Wir hatten schon sehr viele Themen. Aber nach all diesen Dingen sind wir nun zu des Pudels Kern vorgestoßen: Meinem Problem mit den Frauen. Also ich habe kein Problem mit den Frauen. Im Gegenteil! Ich verstehe mich sehr gut mit ihnen. Es gibt da nur einen klitzekleinen Aspekt der mir Probleme bereitet. Er ist winzig. Dummerweise ist es so, dass dieser winzige, winzige Aspekt mir das ganze Leben versaut. Das ist ein unangenehmes Detail.

Dieser Sache ist mein Therapeut auf die Schliche gekommen. Irgendwann haben alle Ablenkungsmanöver nichts mehr gebracht. Irgendwann konnte ich mich nicht mehr verstecken. Seit er das weiß, lässt er nicht mehr locker. Als wäre es sein Beruf, hackt er immer wieder auf dieser Frage herum. Er bohrt und nervt. Er geht mir gerade fürchterlich auf den Wecker. Was er sagt, geht mir gegen den Strich.

 .

„Ist es so?“ fragt er und reißt mich aus meinen Gedanken. Ich atme hörbar ein.

„Nicht ganz.“ sage ich. „Ich kann nicht fühlen ob mich eine Frau körperlich will. Der Rest geht.“ Er nickt. Also spreche ich weiter: „Das die Frau mich mag, das blicke ich schon. Aber ob sie körperlich etwas von mir will, nein das erscheint mir absurd.“

Diese Therapiegespräche! – Oh man, wenn einer diesen Unsinn hören würde.

Es entsteht eine Pause. Ich zähle im Geiste wie oft wir das schon besprochen haben. Ich komme zu einer ziemlich hohen Zahl. Drei vielleicht? Oh Gott ist mir das Thema lästig.

„Aber,“ er reckt sich und er hebt die Arme über den Kopf, seine Gelenke knacken. „wenn ich sie richtig verstanden habe, wissen sie schon, wer sie sind. Sie sind sich bewusst, dass sie attraktiv sind, das sie das Potential haben gemocht zu werden, das wissen sie schon.“

„Ja, absolut. Also, theoretisch. Also so wenn ich so auf mich draufgucke. Klar.“ Sage ich. Ich stöhne, lasse mich nach vorne fallen und stütze meinen Kopf auf meine Hand. „Ich fühle nur nichts.“ Schicke ich hinterher.

Oh Mensch, Mensch, Mensch, wie sich dieses Thema hinzieht. Beim ersten Mal war ich ja ganz begeistert diesen Mist an mir zu entdecken. Mittlerweile nervt es mich nur noch an.

Er macht weiter: „Und deshalb machen sie nichts. Deshalb halte sie sich zurück und greifen die Frau sozusagen nicht körperlich an.“

Das ist neu! „Ja genau“ sage ich. Ich richte mich in meinem Sessel auf. Er hat den richtigen Ton getroffen. Genau so fühlt es sich für mich an.

„Genau richtig, richtig, richtig! Ich habe das Gefühl die Frau anzugreifen. Als wolle ich etwas von ihr, was mir nicht zusteht, als würde ich etwas gegen ihren Willen verlangen, ich fühle ja nicht, das sie will. Das müsste ich doch oder? Ich meine, wenn man nicht fühlt, das sie will, und es trotzdem zu tun ist ein wenig, naja, also ein wenig wie einer Vergewaltigung, auch wenn es nur um einen Kuss geht oder ein Gespräch, oder eine Umarmung. Oder nicht?“

Er schmunzelt. Mit spitzen Fingern schiebt er einen Stift auf der Tischplatte hin und her.

„Sie haben das Gefühl die Frauen mit ihren Wünschen zu belästigen?“ fragt er langsam. Ich nicke. Eigentlich ist es viel schlimmer. Ich habe das Gefühl sie ekeln sich mit mir. Aber ich bin still. Ich will ihn nicht auf dumme Gedanken bringen.

Wir schweigen. Ich schaue zu ihm. Dann fällt mein Blick auf dieses Bild an der Wand. Es ist abstrakt und es ist abscheulich.

Also mein Therapeut ist wirklich ein netter Mann. Wir verstehen uns prächtig, aber wir haben einen völlig unterschiedlichen Geschmack was Bilder angeht. Ich finde er hat gar keinen Geschmack.

Vorsichtshalber schaue auch zur Zimmerpalme. Sie ist eine stille Freundin von mir. Sehr still ist sie und immer da wenn ich sie brauche. Zu ihr habe ich heute noch nicht geschaut, dabei muss ich doch unbedingt wissen wie es ihr geht.

„Sie machen dann einfach nichts. Geben der Frau nicht zu erkennen was sie wollen.“ Unterbricht er unser Schweigen. Mein Ablenkungsmanöver ist vorbei. Adieu Zimmerpalme.

Ich schweige. Verziehe mein Gesicht.

Er nimmt seine Brille ab, hält sie gegen das Licht, zieht einen Lappen hervor und putzt die Brillengläser.  Jetzt kommt eine Erklärung. Das macht er immer so. Ich kenne das schon.

„Sie wissen, dass dieses Verhalten antrainiert ist. Sie haben damals nicht bekommen was sie wollten. Es blieb ihnen versagt. Irgendjemand in ihrer Kindheit hat da versagt.“ Sagt er.

„Wir wollen keine Namen nennen.“ Sage ich. „Ohhh, Kindheit…“ denke ich. Er schmunzelt, lässt sich aber nicht abbringen von seinem Kurs. Mist!

„Dieses Verhalten hat sich verfestigt. Das ist nicht ganz leicht zu knacken. Mit Einsicht geht das nicht. Sie müssen ihre Verhaltensmuster durchbrechen. Durch Handlungen durchbrechen!“ Er schaut mich an. Ich hebe die Hände, meine Augenbrauen hebe ich vorsichtshalber auch. Denn ich habe keine Ahnung, was er sich da gerade ausdenkt.

Er lehnt sich zur Seite. Jetzt hängt er schief im Sessel. Seine Füße scharren auf dem Boden. Ich kann es hören unter dem Tisch. Er macht eine Grimasse und schaut mich an über seinen Brillenrand.

„Wir müssen das üben.“ Sagt er. Es klingt ganz sanft. Es klingt bedrohlich. Er sagt „wir“. Das kommt vor. „Wir“ bedeutet, dass ich an der Reihe bin.

„Üben?“ Frage ich. Er nickt. „Ich soll üben Frauen anzusprechen?“ Ich weiß, dass es solchen Mist gibt. Ich denke an verzweifelte Männer in blassen Anoraks die in Fußgängerzonen Frauen ansprechen. Sie sollen ihre Hemmung überwinden. Mir wird ganz flau. Ich habe keinen Anorak, das kann ich nicht. Nicht mit mir.

Er schmunzelt. Es hat etwas Diabolisches, wie er da in seinem Sessel hängt.

„Nicht ganz.“ Sagt er und presst die Lippen aufeinander. „Sie sollen sich dem Gefühl aussetzen eine Frau körperlich zu wollen und es ihr dann sagen.“ Er schaut mich an und grinst breit. Ich glaube ich bin gerade sein absoluter Lieblingspatient. „Immer wieder!“ sagt er. Er betont jede Silbe. Ich bin sein Lieblingspatient! Es muss so sein, so wie der grinst. „Immer wieder…“ Wiederholt er „…bis es weniger wird.“

Ich mag meinen Therapeuten. Er ist ein lustiger Vogel. Der hat Ideen. Er grinst, ich schüttele den Kopf.

„Sie haben Angst wieder nicht zu bekommen was sie verlangen. Es geht um die Erlaubnis zur körperlichen Zuwendung. Sie haben Angst davor wieder zurückgewiesen zu werden, denn das war damals ein fürchterlicher Schmerz für sie.“

Jetzt schaue ich aus dem Fenster. Es ist so schön nasskalt da draußen. Die Dächer sind so nass, der Himmel ist so grau. So ein bisschen Kälte wäre gerade gar nicht schlecht. Mir ist nämlich heiß. Und verdammt: Wo kommt jetzt diese Träne her? Ich schlucke. Schaue kurz zu den Taschentüchern. Ich schaue wieder aus dem Fenster. Upps, jetzt bin ich aber klein. Upps, jetzt muss ich aber aufpassen nicht zu weinen. Upps, ich weine ja schon.

 .

Es dauert eine Weile. Die Zimmerpalme versteht mich.

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Ich schnäuze mich. „Und wie soll ich das bitte üben?“ frage ich ihn. Ich schaue ihn an. Mir ist nicht ganz wohl bei dem Gedanken. Ich würde ihm einen Vogel zeigen, wenn er nicht er wäre. Wenn mein Therapeut nicht mein Therapeut wäre, eine Person von der ich über die Jahre gelernt habe, dass sie mich nicht verscheissert, egal was er sagt, ich würde darüber lachen. Ich lache nicht. Ich zeige auch keinen Vogel. Mein Therapeut hat recht. Ich weiß das, leider.

Er grinst, seine Augen funkeln. „Ich habe da eine Idee.“ Sagt er.

War das Sadismus? Habe ich da Sadismus bei ihm gesehen? Das kann doch nicht sein! Er ist mein Therapeut! Der darf das nicht!

 .

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Dieses Gespräch war vor drei Wochen. Ich habe „ja“ gesagt zu seinem Experiment, ich Pfeife. Das habe ich jetzt davon.

Das Emblem des Etablissements ist auf der Rückseite des Bademantels eingestickt. Ich sitze in einem Saunaclub. Man erlebt Sachen im Leben…

Eigentlich ist es ganz nett hier. Es gibt einen Pool, eine Sauna, zwei feiste Lounges mit dicken Sesseln, einen beheizten Wintergarten und und und. Zu Essen gibt es reichlich und die Getränke sind umsonst. Was will man mehr?

Ach ja, und dann ist da noch dieses Detail mit den Frauen. Ich schätze es sind etwa vierzig Exemplare. Alle sind jung, die meisten sind hübsch und alle sind nackt. Sie sind ihre eigene Werbefläche. Sie laufen herum und bewerben ihr Produkt: Sich! Schnippt man mit dem Finger – manchmal reicht auch eine geringere Bewegung – und du hast sie gekauft. Naja, gemietet.

Ich mag das Prinzip. Es ist so schön einfach. Genutzt habe ich es allerdings noch nicht. Aber ich weiß wie es funktioniert. Wirklich! Ich weiß, wie es geht.

So sitze ich hier in einem tiefen Sessel und löffle den Milchschaum meines Latte Machiatos. Er ist wirklich köstlich der Kaffee. Sie bekommen phantastischen Kaffee hin.

Ich hingegen bekomme nicht hin, was ich hinbekommen soll. Ich habe von meinem Therapeuten den Auftrag den Mädchen zu zeigen, dass ich sie steil finde. Ich soll genau das tun, was ich nicht kann: Zugeben und signalisieren, dass ich sie will. Meine Angst soll verschwinden.

Ich soll gar nicht mit ihnen auf ein Zimmer gehen. Das müsse gar nicht sein, sagte mein Therapeut. Außer ich hätte Lust dazu, sagte er, dieser Scherzkeks.

Die Idee ist nicht schlecht. Das muss ich ihm lassen. Die Wahrscheinlichkeit, dass mich eine Frau hier ablehnt ist ziemlich genau gleich null. „Ein perfektes Klima um negative Erfahrungen durch positive Erfahrung zu ersetzen.“ Hat er gesagt. Er hat gegrinst, als er das sagte. Er hat sehr süffisant gegrinst.

Dieses opulente Ambiente mit all den nackten, verfügbaren, sichtbar bereiten Weibern ist für andere vielleicht der Himmel, für mich ist es die Vorhölle. Die Hölle ist, wenn ich mit einer sprechen muss.

Die anderen Männer haben mein Problem ganz offensichtlich nicht. Eher im Gegenteil: Ihnen fällt es nicht schwer zu zeigen welche und was sie wollen. Es herrscht ein reges Treiben hier. Es ist eine richtige Rennerei. Mädchen laufen mit Männern im Schlepp hin und her, verschwinden und tauchen wieder auf.

Den Club zu betreten war für mich kein Problem. Auch mich mit den angezogenen Servicekräften am Empfang zu unterhalte oder mit Frauen die mich nicht interessieren. Das ist alles kein Problem. Ich bin nicht schüchtern. Ich verhalte mich souverän. Ziemlich genau bis zu dem Punkt, wo ich zeigen muss was ich will. Ich bin nicht schüchtern, sagte ich schon. Ich bin einfach nur ein Idiot.

Ich bin heute das dritte Mal hier. Die Mädchen kennen mich schon. Komme ich zur Theke macht mir die Bedienung einen Latte Maciato. Sie fragt gar nicht erst. Sie kennt mein Getränk.

Man kennt mich im Puff. Na super! Aber mit meinem Auftrag bin ich kein einzigen Millimeter weiter. Zu signalisieren: „ich finde dich steil!“ ist mir noch nicht gelungen. Es ist zum Lachen und zum Weinen zugleich. Ich finde hier nämlich so ziemlich alles steil, was hohe Hacken trägt.

Ziemlich schnell hatten die Mädchen heraus, dass ich nett bin. Ich bin jünger als der Rest der Kundschaft. Das ist für die Huren natürlich angenehm. Außerdem betrachte ich sie als ganz normale Frauen. Sind sie auch. Wir haben alle unsere Berufe. Sie verdienen eben auf diese Weise ihr Geld. Na und? Wo ist das Problem?

Das spüren die sofort. Die kreisen um mich wie die Geier um duftendes Aas. Langsam werden es allerdings weniger Geier. Sie kreisen auch nicht mehr so dicht. Sie haben bemerkt, dass mit mir kein Geld zu verdienen ist.

Ich habe verschiedene Strategien entwickelt die Stunden im Club zu überstehen. Zuerst habe ich böse geguckt. Ich kann sehr böse gucken! So böse habe ich geguckt, dass mich wirklich keine angesprochen hat. Ich war richtig ein bisschen Stolz.

Jaja, ich weiß: Böse gucken ist ein Ausweichmanöver!

Das wurde albern mit der Zeit. Da fing ich an zu lächeln. Da hatte ich den Salat: Die Mädchen sind ziemlich frech. Sie setzen sich einfach auf deinen Schoß, nackt wie sie sind. Sie geben wirklich alles um zu verführen. Ich musste bemerken, das bringt mich überhaupt nicht in emotionale Bedrängnis. Ich kann wunderbar mit einer Frau herumscherzen, wenn ihre nackte Muschi auf meinem Oberschenkel wippt. Ich bin da völlig entspannt. Ich kann mich dabei eine halbe Stunde mit ihnen über die wirtschaftliche Situation ihres Heimatlandes unterhalten, kein Problem. Wenn ich noch ein paar Mal in den Club komme, spreche ich fließend rumänisch. Ein Paar Brocken kann ich schon. Aber auch das: es ist ein Ausweichmanöver!

Ich spreche mit ihnen, ich unterhalte mich, ich albere herum. Wir reden über ihren Job, die Börse und das Wetter. Alles kein Problem. Unterhaltsam ist das. Das ist nur nicht das Ziel des Ganzen. Es ist ein: Ausweichmanöver!

Ich erlaube mir auch Blickduelle. So saß die Sphinx vor mir. Ich nenne sie so. Ihr Gesicht hat ein orientalisches Profil. Sie sitzt immer bewegungslos, sehr aufrecht und mit hohlem Kreuz. Sie hat sehr große Brüste. Die sind bis zum Platzen gefüllt mit Silikon. Die Brüste sind eingeölt und glänzen im Sonnenlicht des Wintergartens. Ein schönes Bild. Die Brüste sind so glatt und so rund und so glänzend, man könnte sich im Spiegelbild der Titten die Haare frisieren. Das Bild wäre verzerrt durch die Rundung, aber man könnte sie sich frisieren!

Fünf Minuten haben wir uns angeschaut und gegrinst. Keiner hat sich bewegt. Fünf Minuten sind lang. Kein Problem. Aber auch das: ein Ausweichmanöver!

Wenn es um meinen Auftrag geht, dann verstumme ich. Kommt die Frage auf: „Willst du vielleicht…“ oder „lässt dich das hier alles kalt…“ dann werde ich hart, sitze wie ein Primaner auf der Holzbank und sage kein Wort. Oder zumindest sage ich nichts Sinnvolles mehr. Dann fühle ich nichts, mein Herz ist verschlossen. Vorsichtshalber schließe ich dann auch den Mund.

Ich habe dann keinen Kontakt mit mir selbst. Ich schwimme, es ist ein ekelhaftes Gefühl.

Um dieser Situation auszuweichen und meine Anwesenheit zu Rechtfertigen habe ich eine Geschichte ersonnen. Es passierte ganz von selbst. Ich hörte mir selber zu als ich sie sprach. Ich kannte den Text nicht: Ich sei, so sagte ich, ein Schriftsteller und das hier, das ich hier sitze sei Recherchearbeit.

Das ist eine hahnebüchelnde Geschichte. Wer ist schon Schriftsteller und wer schreibt über so etwas? Doch tatsächlich haben die Mädchen mir die Geschichte geglaubt. Schon wieder: ein Ausweichmanöver!

Ich brauche gar nicht zu meinem Therapeuten zu gehen. Ich weiß selber was mir passiert: Es sind alles Ausweichmanöver. Mein Unterbewusstsein diktiert mir Plots und Wege um genau dem zu entkommen, was es auf gar keinen Fall will: Das Risiko einer Ablehnung eingehen. Dabei ist das hier wirklich gleich null, das weiß es nur nicht. Es hat zu lange geübt um das jetzt zu verstehen.

 .

So sitze ich also hier in einem sehr bequemen Sessel und schaufle Milchschaum mit einem sehr langen Löffel in mich hinein.

Es ziehen Wolken auf. Meine Stimmung verdüstert sich bedenklich. Mir wird von Minute zu Minute klarer: Ich werde scheitern. Es gelingt mir nicht. Ich komme keinen Millimeter weiter. Nichts tut sich. Nichts weicht meine Verhärtung auf. Nichts lasse ich heraus.

Düster schaue ich zum Boden. Ich mache ein grimmiges Gesicht. Ich grüble und dünge meine Wut.

Da schieben sich sehr lange Beine in mein Blickfeld und bleiben stehen. Ich schaue auf.

Es ist Ira. Ausgerechnet Ira ist es. Sie ist die Attraktivste hier im ganzen Sortiment. Mit Verachtung schaut sie mich an. Sie drückt meinen Arm zur Seite. Ich muss aufpassen, dass der Kaffee nicht überschwappt. Dann gleitet sie auf meinen Schoß. Selbst durch meinen Bademantel fühlt sich ihr nackter Körper stramm, fest und drahtig an.

„Na du Idiot“ sagt sie mit knackendem Akzent. Meine Stimmung verdüstert sich weiter! Ich bin sauer. Ich bin sauer auf mich selbst und sauer auf die ganze Welt. Der Zorn über meine eigene Unfähigkeit gärt in mir. Und ausgerechnet jetzt krabbelt ein Vampir auf meinem Schoß. Ein sehr attraktiver, sehr geldgeiler, langbeiniger, dünnschlitziger, apfeltittiger Vampir. Ich spüre Wut!

„Was willst du, du Flittchen?“ Zische ich.

„Ohhh, so gefällst du mir schon viel besser.“ säuselt sie und lacht.

Wut! Wut! Vielleicht ist Wut eine Methode? Vielleicht komme ich mit Wut zum Ziel. Mal schauen.

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10 Gedanken zu “4.5 Hallo du Idiot

      • Es hätte mich auch gewundert, aber Neugier ist da. Braucht es den Mut, die Konfrontation, das Aussprechen? Und was passiert, wenn es einen weiteren Rückschlag gibt? Der ist fatal und tut doppelt weh ?

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      • Der Witz ist: es geht tatsächlich nur um dieses Zeigen „ich bin interessiert“. Es ist kein Problem in oben genannter Szene sich eine zu schnappen und mit ihr aufs Zimmer zu gehen. Könnte man ja schnell verwechseln, gibt es bestimmt auch diese Angst.
        Es ist total frustrierend, wenn es einem nicht gelingt. Aber erst danach. Währenddessen, während man das nicht kann, empfindet man diesen Frust nicht, ist viel zu sehr mit Ablenkungsmanövern okkupiert.
        Und… Es bleibt auch später frustrierend. Es ist unglaublich demütigend das nicht zu können und vor allem nicht zu fühlen. Das geht sehr aufs Selbstwertgefühl. Das ist keine Kleinigkeit, sondern – wenn total gilt – sehr schwer zu behandeln.

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      • Sofort glaub ich das. Und, ich bin sehr dankbar, dass du darüber schreibst. Zwar hab ich andere Baustellen, aus ewig Vergangenem resultiert, dennoch sind sie nicht so weit weg. Und somit bin ich doppelt gespannt, wie es weiter geht lieber Paul. Herzlichst, Mia

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      • Ich weiss nicht wo deine vergleichbare Schwierigkeit liegt, aber ich kann dir nur sagen, es ist sehr sehr hartnäckig es zu beseitigen. Ist auch kein Wunder.
        Und ganz ehrlich: ganz weg geht es nie. Man fällt sehr schnell wieder auf das alte Verhalten, die alten (un-)gefühle, und die Alten Muster zurück.
        Freut mich aber, dass es dich so interessiert.

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      • Ja, es scheint, das alles was in jüngeren Jahren passiert ist, seine Spuren nie ganz verwischt. Wenn sie allerdings erkennt und bearbeitet, so wie du es tust, dann ist die Chance wohl groß, bei Rückfällen es ein wenig einfacher zu haben, aus diesen wieder herauszukrabbeln. 🙂

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      • Tja. Ich weiß manchmal nicht. Ja und nein. Wenn es einem gut geht, ja dann kommt man über das Alte hinweg. Geht es einem schlecht fällt man immer wieder in altes Verhalten zurück. So einen „bang“ und danach ist alles anders könnte ich bis jetzt auf jeden Fall nicht beobachten. Es bleibt mühsame Kleinarbeit.

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      • Ja in gewissen Sinne kann man das – Vielleicht wäre „schulbar“ der bessere Begriff für ein Gefühl, denn eine Basis ist doch meistens da, so ein kleines Gefühlpflänzchen, oder zumindest einen Keim den man zum wachsen bringen kann.
        Neben diesem „schulen“ ist es bei Emotionen die „nicht da sind“ meistens aber so, dass sie verdeckt, verdrängt, nicht zugelassen, abgespalten etc. werden. An diese Gefühle ran zu kommen, Kontakt mit ihnen aufzunehmen, ist auch so eine Art „Schulen“. Da müssen Blockaden oder ähnliches weggeräumt werden. Das kann extrem mühsam sein. Sieht man ja.

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